HALLO INTERNET!

Ich frage mich wer oder was ich wohl wäre, gäbe es weder Internet noch Handys. Mit 12 verliebte ich mich in einen Jungen aus meiner Parallelklasse. Zwei Jahre später kamen wir zusammen. Weitere zwei Jahre später – mittlerweile wieder getrennt – kamen wir nochmal zusammen. In den letzten Atemzügen unserer in der Realität entstandenen „Beziehung“ (alle im Teenageralter geschlossenen Partnerschaften zähle ich nur halb) lernte ich – Überraschung – in einem Forum mein zweites Opfer höchster Obsession kennen. Nachdem er mir einen Rapsong anlässlich meines Geburtstages geschrieben hatte, war es um mich geschehen. Der Fremde Forumuser aus Saarbrücken hatte das naive kleine Ding tatsächlich am Haken. Wuhu, ein Lied für mich!

Das erste Mal trafen wir uns am Bahnhof in Mannheim. Ich hatte die Nacht davor kaum geschlafen und hatte Angst den Anforderungen, die ich mir selbst durch high-end retuschierte Fotos auferlegt habe, nicht gerecht zu werden. Im Grunde fand ich ihn, als er dann so vor mir stand, gar nicht mehr so schön wie online. Im Grunde fand ich, er hat bei seinen Bildern ebenfalls gelogen. Es war kein besonders schöner Tag, aber er war notwendig. 80€ Zugtickets hatten sich gelohnt, denn auf einmal wusste ich, mit wem ich es da eigentlich zutun hatte. Und ich entschied, dass sich der Aufwand lohnt. Und schwups – es war kein weiterer Song nötig – war ich verliebt. Daraufhin folgten eine Milliarde Tränen, mehrere Wiedersehen (nie länger als drei Tage!), fünf Lieder darüber wie wahlweise schön oder scheiße ich bin, und passé war die große Internetliebe – nachdem sie kurz zuvor noch meiner Mutter sagte, dass nicht ich, sondern er der Beste ist, was Deutschnoten in der Oberstufe betrifft.

Im selben Forum lernte ich zeitgleich meine große Liebe kennen. Sie war wunderschön, witzig, klug, gehässiger als ich in meinen besten Zeiten und wie sollte es anders sein, nach einer kompletten Woche im Vollsuff folgten gemeinsame Lebensabschnitte! Ja, eine meiner Internetlieben hält noch bis heute und das, meine Damen und Herren, ist ein riesengroßer Punkt auf der Plus-Seite meiner „ich-kann-mich-nicht-entscheiden“-Liste. Last but not least, ja ich gestehe, traf ich meinen nächsten Partner online. Ich wurde knallhart über Facebook aufgerissen! (ja, es ist peinlich.)Diesmal aber – Gott sei Dank – mit Fotos, die mich vorm ersten Treffen nicht verräterisch aus Photoshop auslachten. Was daraufhin folgte war eine Fernbeziehung, die lang genug andauerte, eine gemeinsame Wohnung, ein gemeinsames Leben. Das ich ohne dich, liebes Internet, so definitiv nicht hätte. Wer weiß wo ich nun wäre … vermutlich wäre ich noch mit meinem Freund aus der Schulzeit liiert, oder im Gegenteil, seitdem für immer Single, ausgestattet mit einer Palette von Geschlechtskrankheiten. Ständig im Nachtleben verschollen, in der Hoffnung das dunkle Licht im Club ersetzt den Photoshop-Filter online.

Im Grunde, liebes Internet, warst du doch sehr zukunftsbestimmend für mich. Es gruselt mich, beim Gedanken daran, dass diese Erfindung mein Leben so dermaßen beeinflusst hat. Mein Leben ist ein riesiger Wahrscheinlichkeitsbaum. Mit einer Milliarde Ästen. Und einer Milliarde Kilobytes, die ich investiert habe – im Endeffekt gewinnbringend. Zu sagen, ich kenne meinen Partner aus dem Internet, ist heutzutage immer noch mit einem Outing gleichzusetzen. Es ist peinlich. Man erweckt den Eindruck, man würde monatelang kostenpflichtig bei ElitePartner rumhängen und fremde Männer anschreiben, weil man es im Alltag aufgrund äußerlichen Merkmalen nicht gebacken kriegt, sich seine Beziehung bei klassischen Dates und Alltagssituationen aufzubauen. Aber im Gegenteil. Es ist minimum genauso romantisch wie in dem Liebesfilm „E-Mail für dich“ mit Meg Ryan und Tom Hanks. Nur dass ich keinen kessen blonden Bob trage. Und keine protzige Wohnung besitze. Aber wenn Tom Hanks vorm ersten Treffen sagt

„Dort drinnen könnte auch ein Briefkasten sitzen, ich wäre verrückt sie nicht zu heiraten.“

dann, liebe Damen und Herren, könnt ihr euch alle mal ne dicke Scheibe davon abschneiden. Denn darum geht es doch. Euren Sexualpartner findet ihr mit Sicherheit im Club. Und mit Sicherheit beim Kaffee trinken. Aber wie scheiß schwer ist es in dieser schnelllebigen Welt im Alltag zu eruieren, ob der Typ im Club, der dir gerade an den Arsch gefasst hat, auch Lust hat dich während einer Magen-Darm-Grippe und dem siebten Bandscheibenvorfall noch zu behandeln wie das Wertvollste der Welt?  Ich wüsste nicht wie.

Worauf ich hinaus will? Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass du, liebes Internet, auf eine kranke globalisierungsverwöhnte Art und Weise Dinge zusammengeführt hast, die ansonsten nie zusammengefunden hätten. Ich weiß nicht, ob das gut ist. Ich kann nicht in die Zukunft sehen. Solange mir keine Lieder geschrieben werden, bin ich schon zufrieden.

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