KIEZFEST FRANKFURT

Kiezfest

Wer in Frankfurt guten Rap live genießen will, muss sich vorher eine ordentliche Portion Heroin in die Venen jagen, oder sich eingliedern in eine erschreckend realistische Zombieparallelwelt, gespickt mit Geld, Geltungsdrang und Dummheit.

ich fungiere als Hip Hop-Liebäugelnde hier als … sagen wir einmal Randgruppe. Wenn ein Konzert stattfindet, das ich besuchen will, muss ich zwei Monate vorher anfangen Aufsätze darüber zu schreiben, warum die Person, die ich bitte mitzukommen, sich dies ansehen und -hören sollte. Werden diese Aufsätze mit perfekter Argumentation dann ignoriert, widerlegt (MIT LÜGEN!) oder gar schlicht und ergreifend abgelehnt, habe ich zwei Optionen. Alleine hingehen und fremden Menschen ins Ohr brüllen „JAWOLL! ICH LIEBE DIESES LIED!“ oder zuhause bleiben und mich wochenlang darüber ärgern, es verpasst zu haben. Mittlerweile habe ich meine Aufsatzstruktur reformiert und lande immer öfter sehr erfolgreich mit Begleitpersonen meiner Wahl bei Räpp- und Hip Hop Konzerten. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: ich bekehre sie zu dieser großartigen Musik ODER wir werden permanent von irgendwelchen Idioten so dermaßen abgefuckt, dass wir den Spaß nach fünfzehn Sekunden Aufenthalt komplett verlieren.

Heute wurde ich Zeuge, wie der Berliner 1. Mai (Naunynstraße) in einer Frankfurter Version (circa 498 mal kleiner) versucht wurde zu imitieren. Was weiß ich wie viele Meter abgesperrtes Sträßchen zwischen Helaba und Hauptbahnhof. Nachdem man sich seiner Flaschen und seiner Würde entledigen musste, durfte man fünfzig Euro latzen und Zeuge der größten Trauerfeier werden, die ich je gesehen habe. Bier für 3,50 in Plastikbechern besetzt mit einem Euro Pfand, die zu später Stunde halb voll im Koksrausch in die Luft geworfen wurden. Eine Dixie-Klo-Armee, fünf lieblos aufgestellte Strandliegen. Der Rest war Profit. Die Besucher: Menschen, die sich in „Festival“montur gelogen haben und nun ihre Komplexe in einem Meer aus synthetischen Drogen planschen lassen.

Ich laufe die wenigen Meter von Einlass zur Bühne und staune über zahlreiche Doppelgänger. Am Lucky Strike Stand meine ich über Liquit Walker gestolpert zu sein. In Wahrheit ist es Jens Müller aus dem Nordend (=Prenzlauer Berg), der seinem reichen Elternhaus heute entflohen ist, weil er gehört hat, dass Nas was mit Straße zutun hat. Die Klamotten hat er letzte Woche online bestellt. Keine zwei Meter weiter steht ein großer Typ, sicher nicht unter dreißig, und redet vehement in seinem Manowar Shirt auf eine junge Frau ein. Bevor ich nur den Namen „Staiger“ denken kann, schüttel ich die optische Täuschung aus meinem Gehirn. Ich kaufe Bier für 3,50, zahle meinen Euro Pfand und taumele rückwärts. Als ich mich umdrehe sitzt Melbeatz Zwillingsschwester auf dem Bordstein. Sie erzählt ihrer Bekannten gerade davon, wo sie sich die kecke Frisur hat machen lassen. Verträumt spielt sie mit ihrem Ghettoblaster-Anhänger, bei dem ich nicht ganz sicher bin, ob es sich hierbei nicht doch um echtes Silber handelt. Komisch – die zweite Melbeatz habe ich erst gestern an der Bushaltestelle Westend (=Charlottenburg) gesehen. Da hatte sie mit ihren drei Hugo Boss Tüten zu kämpfen und die Haare zu zwei Zöpfchen gebunden, während laut Electro aus ihren Kopfhörern drang. Ich hätte jetzt Lust auf Couscoussalat. Aber hier in Frankfurt gibt es kein türkisches Ehepaar, das an einem provisorischen Straßenstand für einen Euro selbstgemachte Salate verkauft. Auf dem Weg zur Bühne schneidet mir ein glatzköpfiger Mittzwanzigjähriger den Weg ab – mit frechem Spruch auf dem Shirt (I liked your last album better)- er hebt die blonden buschigen Augenbrauen und eilt, seinen allerhöchstens zwei Stunden alten Rucksack geschultert, Richtung Backstage.

Ich kann gar nicht so viel trinken wie ich schlucken muss. Eine Gruppe Ü 30jähriger brüllt „NAS-HORN! NAS-HORN!“ während der männliche Darsteller aus dem Gina-Lisa-Porno euphorisch die ganze Welt begrüßt. Als Nas endlich auftritt, schwimmen immer wieder mehrere Zuschauer an mir vorbei, um weiter nach vorne zu kommen. Ein unablässiger Strom an Frechheit. Selbst nach dem sechsten Lied ist es ihrerseits nicht zu schaffen wenigstens altmodisch zu applaudieren. Es ist ja auch scheißegal. Solange sie vorher und nachher gesehen werden läuft doch alles optimal. Und jetzt aufpassen, dass man keinen Krampf im Arm kriegt, von der permanent hochgehaltenen Handykamera. Ich und maximal zwanzig andere brüllen verzweifelt Text für Text mit. Ich möchte weinen.

Ich muss mich in einer Parallelwelt befinden. Einem Abziehbild. Dieser Ort ist eine Fotokopie, eine nicht passgenaue Vervielfältigung. Und ausgerechnet mir hat man die Lupe in die Hand gegeben, um die Abweichungen besonders nah zu sehen. Viel besser als das Gesamtbild. Während mir dies klar wird, dreht sich ein zugekokster Marcus Schenkenberg-Doppelgänger zu mir um und fragt „was redet der auf der Bühne denn eigentlich?“ – ich antworte nicht, sondern gehe. Ich habe genug gesehen. Und außerdem fängt es an zu regnen.

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