SOZIALE REHABILITATION

Nachdem ich in den letzten 24 Stunden auf der Suche nach meinen motorischen und geistigen Fähigkeiten war, habe ich sie heute – verrückt! – in meinem linken Nike Schuh gefunden. Ich wusste doch, dass ich beides an einem sicheren Ort verstaut hatte. Aber man möge es mir verzeihen, schließlich liegen drei Tage der unendlichen Zugfahrten, des nie enden wollenden Alkoholkonsums und der kurzen Hosen hinter mir!
Aber eins nach dem anderen.

Ihr müsst euch mein Leben vorstellen wie eine Schuhschachtel. An dem einen Ende dieser Schachtel steht ein Bett. In diesem Bett befindet sich mein Laptop (ich nenne ihn Priscilla). In der Mitte des Schuhkartons habe ich neuerdings ein kleines Fitnessstudio platziert, direkt daneben meinen Psychotherapeuten. Am Ende des Kartons steht mein Büro und die obligatorische nervenraubende Baustelle.
Zwischen diesen drei Stationen fährt der Bus Nummer 36. 70% meines Lebens verbringe ich im hinteren Teil der Schuhschachtel während weitere 10% an Fitnessstudio und Therapeut gehen. Die übrigen 20% finden im vorderen Teil des Kartons statt. Es ist ein Alltagstrott des Wahnsinns und wenn ich nicht bei einem Busunglück der Linie 36 sterben sollte, dann an einem Nervenzusammenbruch bedingt durch die Baustelle vor meinem Büro.

Vergangenen Freitag ließ ich Schuhkarton Schuhkarton sein, brach aus meinem bürgerlichen Leben aus, wie ein tollwütiger Affe, und fuhr fucking fünf Stunden lang in den Osten. Bis auf die Tatsache, dass man ab einem gewissen Punkt (spätestens Halle) wenig bis gar nichts mehr versteht, ist es so eine der beschissensten Zugstrecken, die die Bahn je realisiert hat.


 Wenn man den in der Regionalbahn kiffenden Pulk an Jugendlichen überlebt hat, die das beschauliche Örtchen aussehen lassen, als sei kurz zuvor ein Money Boy Musikvideo explodiert, hat man es geschafft: Freiheit.
Keine Verpflichtungen, keine Termine – und wenn doch, dann überraschend angenehmer Art.
Für die nächsten 36 Stunden bin ich Mitglied einer siebenköpfigen WG im ersten Stock von „Monis Einfamilienhaus“ und freue mich über Andrea-Berg-Wanduhren, Katzenkissen, Flauscheteppich in der Küche und massive Holzschrankwänden.

Ich war das letzte Mal 2009 beim Splash und hatte damals die beste Zeit meines noch jungen Lebens. Mit entsprechend hohen Erwartungen betrat ich dieses Jahr das Gelände und musste für mich herausfinden, dass sich einiges geändert hat. Bei den ersten zehn Cro-Video-Ollen-Doppelgängerinnen die meinen Weg (bereits in Schlangenlinien) kreuzten, hatte ich noch genug Elan mich aufzuregen, danach sah ich mit weinendem Auge darüber hinweg. Dass ich auch nicht mehr so der „erste Reihe und Ausrasten“-Typ bin, schreibe ich einmal lapidar meiner Unverträglichkeit von Herzrhythmusstörungen und Bass zu. Aber auch dies sei – stolpernden Herzens – zu ertragen (mein „brother from another mother“ hingegen hat selbst erste Reihe und Ausrasten nicht komplett durchgehalten, demnach habe ich mir diese Schmach immerhin erspart!). Der richtige Spaß allerdings begann, meinem betrunkenen Ich zufolge, aber erst dann, als ich großzügig angeheitert Backstage brisante Gina-Lisa-Videos auf dem Smartphone vorführte und somit endgültig am unteren Ende der Gesellschaft angekommen war. Immerhin wurde ich kurz darauf optisch mit Anne Hathaway gleichgesetzt. Vor ihrer Nasen-OP. Aber hey, über Penelope Cruz hätte ich mich bestimmt nicht annähernd so sehr gefreut! Es ist, so ekelhaft wie es klingt, immer wieder ein großes „Familienfest“ mit den üblichen Verdächtigen:

Die zehn Cousins und Cousinen, die man eigentlich kaum kennt, aber erschreckend große Sympathien hegt. Die Onkel und Tanten, die man mit fünf super fand, jetzt aber altklug auf sie herabsieht und denkt „ihre Geschenke damals waren eigentlich auch nicht so toll.“ und die Omas und Opas, die immer noch nicht wissen, wer man eigentlich ist.

Und wenn einem die Cro-Tanten Schrägstrich Fan-T-Shirt-Gleichzeitig-Träger doch kurz zu viel wurden, Torch zum zweihundertsten Mal seinen hundert Jahre alten Text vergaß oder einfach nur der Suff zu teuer wurde, ging es zurück in Monis Ferienwohnung, in der man sich Rührei, Pfannkuchen, Heimatfilme aus dem Schwarzwald und Grasovka-Apfelsaft widmete. An dieser Stelle Grüße an Enrico, Silvio und Marion (ja, sie hießen wirklich so), die uns per Taxi geduldig hin- und herfuhren. An dieser Stelle: scheiße haben wir viel Taxigeld verfahren. An dieser Stelle: ich konnte nicht laufen, ich bekam just eine Schleimbeutelentzündung am Knie. An dieser Stelle: Sanitäterzelt Splash 2012 während Unwetterwarnung und Geländesperre:

Jeder von uns hat in kurzer Zeit festgestellt, dass Splash am meisten Spaß macht, wenn man sich ordentlich Suff in den Kopf geschüttet hat und nachts über das Gelände schwebt wie auf einer großen Wolke Großartigkeit. Ich persönlich habe festgestellt, dass Splash am meisten Spaß macht, wenn man sich vom Sanitäter 2x Ibuprofen 800 geben lässt und darauf zwei Sekt auf Eis trinkt. Wenn nachts auf einmal alte Samy Deluxe Lieder laufen und die Menschen, die darauf genauso ausrasten wie ich, auf einmal meine besten Freunde sind. Wenn man alberne Gruppenfotos mit Schleichwerbung darauf macht und wenn man gefühlte Stunden lang Discokugeln als Treffpunkt sucht, und feststellt, davon gibt es mindestens fünf auf dem Gelände. Oder wenn man einfach nur da sitzt und ein Handbrot isst. Handbrot, Alter. HANDBROT!!!11!!11!!!

Für mich persönlich die angebrachteste Flucht aus meinem bürgerlichen stinklangweiligen Alltag. Und auf einmal stelle ich fest, dass ich noch viel zu jung bin, um mich beruflich so hart knechten zu lassen, mein Schuhkartonleben weiterzuführen und an nichts mehr Freude zu haben, außer an Stille. Im Grunde möchte ich zurück in diese 4-Zimmer Wohnung in Gräfenhainichen, zusammen mit Leuten die genauso hängengeblieben sind, auf eine positive Art und Weise natürlich, und Pfannkuchen essen. Und sich gemeinsam Polittalk mit Bushido ansehen. Und gemeinsam hassen. Vielleicht bin ich gar nicht so alt wie ihr mich alle schätzt und gar nicht so Anne Hathaway vor ihrer Nasen-OP wie ich angeblich aussehe. Vielleicht muss ich einfach sofort berühmt und unabhängig werden, um mich wann immer ich will in Monis Ferienwohnung einzumieten und Gladiatorenkämpfe mit Ralf Möller (international auch: Ralf Moeller) zu sehen. Aber momentan fällt mir die Rehabilitation, die Wiedereingliederung in mein „bürgerliches“ Leben, so unfassbar schwer, dass ich mich auf den Boden werfen und heulen möchte. Aber dann würde mein Knie weh tun. Und in meiner bürgerlichen Parallel-Welt trinkt man keinen Sekt mit Ibuprofen. Da gibt es nur Kaffee. Und Hass. Aber kein Handbrot. Und kein Torch. Der nachts Musik auflegt, die weit vor der Geburt meiner Großeltern aufgenommen wurde. Und keinen Enrico und keinen Silvio, die mich an der Rückseite vom VIP Eingang abholen und nach Hause fahren. Zum Katzenkissen. Hier steige ich in die Linie 36. Jeden Tag. Bis dass der Tod uns scheidet. Aber darum geht es ja – wäre es immer, würde ich es genauso hassen, wie das, in das ich mich nun höchst konzentriert wiedereingliedern muss.

POOOUUUUUFFFFHHH – DAVID COPPERFIELD!

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2 Gedanken zu “SOZIALE REHABILITATION

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