BAUSTELLENLÄRM.

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Ich gehe zugrunde. Zugrunde an den Wünschen und Plänen einer Gemeinde. Einer kleinen Population, die den innigsten Wunsch hegte, dort, wo einst ein staubiger alter Parkplatz stand, ein Einkaufszentrum zu errichten. Direkt vor meinem Bürofenster. Ich gehe ans Limit aufgrund von Kränen, Baggern, Bohrern, Schaufeln, Pickeln (beide Arten!), aufgrund von quietschenden Scharnieren, beiseite geschobenem Sand, Steinen, Erde, Dreck, Kränen, Baggern, Bohrern, Scharniere. Es rattert und quietscht und die Erde zittert stündlich. Von heute auf morgen bin ich Teil eines Erdbebengebiets. Direkt vor meinem Bürofenster errichtet jemand ein Monument des Konsums und ich werde vermutlich eines Tages dort einkaufen gehen – aber bis dahin, gehe ich zugrunde.

Es sind 30°C und ich komme aus der Schwüle der Mittagspause und bleibe an der Türklinke kleben, wie auf meinem Stuhl, auf dem ich neun Stunden sitze. Sobald ich das Fenster öffne, schwappt mir ein Tsunami des Lärms entgegen, boshaft und allmächtig, also lassen wir es lieber geschlossen. Die Luft steht in den wenigen Quadratmetern, in denen wir uns tummeln, wie in einem Kuhstall. Ich kann nicht mehr atmen. Über dem Gebäude fliegt eine easyjet Maschine tief. So tief, dass ich mit zusammengekniffenen Augen lesen kann, was auf deren Bauch geschrieben wurde. Ich kann nicht mehr atmen. Ich kann nicht mehr denken. Ab sofort funktioniere ich, wie der Ventilator im Raum, der leise vor sich hinbläst. Mein Kopf platzt.

Lärm macht krank. Auf einmal habe ich Herzrasen, am nächsten Tag Stiche im Bauch. Morgen werde ich wieder denken, ich habe einen Herzinfarkt. Heute nicht – heute reicht das Pochen in meinem Schädel aus, um mir einen Gehirntumor einzureden. Als Kind, wenn ich mein Zimmer nicht aufgeräumt, eine drei in Mathe oder sonst etwas bahnbrechendes verbrochen hatte, sagte mein Vater immer „ich kriege einen Herzinfarkt“ – der Arme, jetzt weiß ich wie er sich fühlte. Ich höre mich selbst nicht mehr denken. Seit Monaten nicht. Schon bevor man vor meiner Nase den Boden aufriss und eine Tiefgarage aushob. Es summiert sich alles.

Ich habe vergessen wie man zuhört. Vergessen, wie man sich konzentriert. Entweder es ist dumm oder es ist laut, was ich höre. Das ist ein Schutzmechanismus, Schutz vor Lärm, den ich selbst beginnen könnte, zu machen. Und sagt nicht, ich könnte fliehen. Ich fliehe in den nächsten Lärm, die nächste Baustelle, die auf mich wartet und diesmal mir selbst die Schaufel in die Hand drückt. Die will, dass ich grabe, bis ich auf Grundwasser stoße. Alles mit Beton aufgieße und Parkplätze schaffe, für euch, damit ihr mich besuchen könnt. Damit ihr all die Tüten, voll mit Waren, die ihr bei mir ersteht, bequem heraustragen könnt. In eure Fahrzeuge packen. Wegfahren. Die Ruhe genießen. Die Stille. Ein bisschen Lärm, den eure Kinder machen werden, oder eure Kreativität, ihr jungen, hippen Musiker.

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