DOLPHIN MEDITATION

Während ihr euch überlegt, welchen neuen Modestil ihr ausprobieren, welche Haarfarbe ihr euch für 120€ draufklatschen oder welche politische Problematik auf der Welt bis in den bitteren Tod diskutieren könnt, fühle ich mich wie weggetreten. Ich schlafe ein bei eurer verzweifelten Suche nach dem „Besonderssein“ um damit eure Eltern, Freundinnen, Lehrer, Dozenten, potentiellen oder bereits vorhandenen Lebensabschnittspartnern zu imponieren. Ich wüsste nicht woher ich all die Energie für besonders kesse und abgedrehte neue Leidenschaften (Schafzucht, Schnitzen, Häkeln, Filmtitel-nach-dem-Alphabet-Sortieren, …) nehmen sollte. Im Grunde bin ich nur neidisch, das kann ich eingangs ganz offen zugeben, dass ihr euch wandeln und drehen könnt und euch, metaphorisch natürlich, die Lippen und Wangen im Dschungel des Lebens so rot anmalt, dass ihr nicht nur gefickt, sondern vielfach vergewaltigt werdet. Letzteres scheint auch immer mehr Hobby zu werden. Glückwunsch.

Warum ich für all das wenig übrig habe, liegt daran, dass ich ein auf die Grundinstinkte reduziertes Wrack Verzweiflung bin. Klar genug das zu erkennen. Ich bin nicht ganz sicher wie lange noch, aber mit etwas Glück sehe ich erst übermorgen Dinge, die es gar nicht gibt. Aus Angst an mir selbst zu verrecken greife ich nach jedem Strohhalm, den sich eine Esoterik-Hexe in den letzten sechs Jahrhunderten ausgedacht hat, und hoffe inständig, dass er hilft. Grundsätzlich sind dies auch die Momente, in denen ich mit Sicherheit feststelle, dass ich nicht gläubig bin. Das ist ungeschickt. Wäre dem so würde ich relativ entspannt auf den Tod warten, mich auf mein Paradies freuen, wie auch immer dies geartet sein mag, und irdisches Leben irdisches Leben sein lassen. Unglücklicherweise habe ich aber verlernt naiv zu sein und dem, was mir erzählt wird, bedingungslos zu glauben. Kurzum: ich bin ein gottloses Stück Hilflosigkeit und will nicht sterben.

Vermutlich sollte ich spätestens jetzt erklären, warum ich überhaupt der festen Überzeugung bin, bald das zeitliche zu segnen: gerne! Folgendes vorab: ich habe kein Krebs, kein AIDS, leide nicht an einer Hirnhautentzündung. Diese drei Faktoren kann man relativ schnell ausschließen. Alle anderen Krankheiten, die derzeit auf der Erde kursieren, könnte ich allerdings haben. Hier meine Top 4 Hypochonder-Erkrankungen

1. Herzmuskelentzündung (Hehey! Ich bin dein entzündetes Herz und anstatt irgendwelche Beschwerden zu verursachen bleibe ich einfach stehen und du stirbst wo auch immer du gerade bist. Beispielsweise auf der Toilette. U mad bro?)

2. Lungenembolie (Falls du deine überdimensional große Thrombose bis jetzt ignoriert hast: ich bin der kleine Dreckklumpen in deinen Blutgefäßen und sprinte mit Karacho in deine Lunge. Das gibt ne lustige Explosion!)

3. Schlaganfall (Dein linker Arm und dein linkes Bein sind taub? Deine linke Gesichtshälfte hängt schlapp herunter und in fünf Sekunden bist du tot? Das war ich!)

4. Herzinfarkt (Lust auf krampfartige, zum Tod führende Schmerzen in der Brust? Ruf mich an!)

Natürlich bin ich kein 55jähriger Mann, der tagein tagaus gerne Bier getrunken und fettes Fleisch gegessen hat, sich so gut wie nie bewegte und bei Aufregung immer knallrot anläuft. Aber: ich habe Stress. Und ich rede nicht von Stress wie „oh nein ich muss mein Studium und meinen Werkstudentenjob und Arzttermine und Freunde unter einen Hut kriegen“ sondern vielmehr von „Hey, bald ist Quartalsende, wir machen nicht genug Umsatz, oh wow zwei Klagen vor Gericht, yippieyeah, ger-ne prüfe ich den Vertrag und mache Jahresabschluss im Großraumbüro mit Konzentrationsmöglichkeiten von kleiner fünf Prozent“ PLUS „ich muss mein Studium und Arzttermine und Freunde FINDEN unter einen Hut kriegen“.

Ich habe Stress wenn ich schlafen gehe. Mein Herz rast. Es ist ein ständiges Bam. —– Bam. —- Bam. —–Bam. —- Bam. —-BAMBAMBAMBAM —– Bam. —- Bam. —- Bam. Mein einziger Halt ist meine Delfin-Meditations CD und ich schwöre euch, ich kann die Gesänge mittlerweile auswendig.

Bild

Ja, es klingt merkwürdig, aber ja ich habe Angst zu früh zu sterben. Ich habe kein Paradies und keinen Gott. Ich habe nur mich. Ich habe nur mich und meine Fähigkeit so lange wie möglich durchzuhalten um so lange wie möglich Essen kaufen zu können und so lange wie möglich so wenig wie möglich Sorgen zu haben. Aber es ist Unsinn und ich weiß, dass es Unsinn ist. Trotzdem gehe ich um 19 Uhr, wenn ich mal (achtung!) früher von der Arbeit gehe, zum Orthopäden und frage, ob er etwas gegen meine Verkrampfungen in der Schulter tun kann. Trotzdem höre ich mir an, dass ich dagegen einfach mal Yoga machen sollte. Yoga. Ich. Yoga. Und bevor ich die Praxis verlasse und mir noch gesagt wird „aber wenn Sie zu faul für Yoga sind dann kommen Sie wieder und dann spritze ich Ihnen die Verkrampfung weg.“ verkrampfe ich noch mehr und will verdammtnochmal wissen wie faul ich bittesehr aussehen mag. Und dann mache ich, wie jeden Tag, den Fehler und sehe mich um und dann kreuzen Menschen meinen Weg, die vor Unbeschwertheit so strotzen und zwei verschiedene Schuhe und ein Shirt tragen, auf dem ein kesser Spruch steht, der allen anderen, auch mir, zeigen soll, wie besonders sie sind.

Ich will nicht besonders sein. Ich will einfach Ruhe. Und einen normalen Herzschlag. Und eines Tages den Triumph über meine Delfin-CD. Ich werde die, die ich liebe, einladen, mich auf einen Berg stellen, und diese Entspannung auf Platte anzünden und schreien. Es wird großartig. Aber bis dahin lerne ich noch weiter auswendig, wann Flipper bei „Ocean of Silence“ seinen ersten Einsatz hat. Ich würde behaupten bei 1:02 Minuten. Aber ich höre nochmal nach, versprochen.

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Ein Gedanke zu “DOLPHIN MEDITATION

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