KONTROLLIERTE RÜCKKEHR IN DIE ALKOHOLABHÄNGIGKEIT

Während ich in den letzten Monaten nahezu vorbildlich war und mich lebensstiltechnisch beinahe so abstoßend wie Bio-Supermarkt-Verfechter fand, auf Kaffee verzichtete (neueren Datums), nur noch leichte Nuttenstängel rauchte (älteren Datums), nur eine warme Mahlzeit täglich zu mir nahm, während ich all dies tat, stand sie auf einmal wieder vor der Tür.

Sie erwischte mich in einem labilen Moment innerer Unruhe und äußerer Hässlichkeit. Ich war verloren in einem kurzweiligen Strudel voller Selbstzweifel, Unzufriedenheit und Herbstdepression, da klingelte es. Obwohl ich in Jogginghose und meine Haarsituation mehr Monchichi und weniger Penelope Cruz war, öffnete ich die Tür. Es war eine alte Bekannte. Sie hatte sich wohl rumgetrieben, denn sie sah müde aus, allerdings auch froh, endlich angekommen zu sein. Nachdem ich sie ins Wohnzimmer führte und einen Glühwein warm machte, um den Frost aus ihr zu treiben, sah sie mich mit großen, leeren Augen an und lächelte. Da war sie wieder, die Alkoholabhängigkeit.

Es gibt diese sehr besorgniserregenden Selbst-Tests im Internet. Neben „Bist du der größte Tokio Hotel Fan?“, „Bist du WIRKLICH der größte Tokio Hotel Fan?“ und „Welcher Jahreszeitentyp bist du?“ Themen kann man sich auch online auf allerhand Krankheiten testen. Da wäre beispielsweise Burnout, Borderline, Krebs, Depression oder, zu guter letzt, Alkoholabhängigkeit. Während ich noch einen großen Schluck Wodka-Gingerale nehme, überfliege ich die Testfragen, die so offensichtlich sind wie Gewinnspielfragen bei 20.15-Uhr-Fernsehsendungen. Sobald man mehr als einmal im Monat dem Suff hallo sagt hat man schon verloren. Also will ich das Ergebnis gar nicht wissen. Aber am Rande: ich habe laut Selbst-Tests sowohl Burnout, Borderline, Depressionen und womöglich Krebs. Auf den Schreck nehme ich einen weiteren großen Schluck Wodka-Gingerale und atme tief durch. Ich frage mich tatsächlich, was ich in den letzten zwei Stunden die ich hier sitze, getan habe. Keine Antwort. Ich schenke mir nach und bleibe ratlos. 

Mein Gast auf dem Sofa streckt die Beine aus. Die Schuhe hat sie ausgezogen und entblößt zwei große Löcher in ihren Socken. Der Glühwein lässt ihre Wangen leuchten. Ich setze mich auf die Sofakante und streichle ihren Kopf. Das Haar ist strohig und stumpf. Aber die Augen, die mich groß und leer anschauen, haben einen Glanz, den ich nicht beschreiben kann. Ich mache etwas Musik an. Wir schweigen. Manchmal nippt sie an ihrer Tasse und seufzt. Und auf einmal ist sie eingeschlafen. Ich bleibe bei ihr sitzen. Nehme die Tasse aus ihren Händen und trinke aus, was sie übrig ließ. Und wie die teure Thermo-Unterwäsche für Herren, wird mir warm, und diese Wärme verschwindet nicht. Sie bleibt, wie mein Gast auf dem Sofa.

Natürlich bin ich nicht alkoholabhängig. Ich habe nur phasenweise den starken Drang mich alleine in den Schlaf zu trinken. Wenn ich mich umsehe bin ich umgeben von Junkies: Kokainabhängige, Kiffer, Essgestörte, Selbstsüchtige, … und komme nicht umhin mich zu fragen: was ist schon normal?  Und was überhaupt, auf dieser Welt, ist noch gesund? Und brauchen wir, du und ich, lebensverlängernde Maßnahmen tatsächlich, oder sind wir eines Tages froh, dass wir uns die Leber so fettgesoffen haben, dass wir schon mit 65 abkratzen, anstatt uns das Elend noch weitere zehn Jahre mit anzusehen? 

Mein Gast ist wach. Sie steht auf und zupft sich die Haare zurecht. Einen prüfenden Blick wirft sie in die Tasse, aber ich habe sie nicht enttäuscht. Kein Tropfen ist übrig. Sie lächelt und nickt, dann zieht sie ihre Schuhe an und wankt in den Flur. Mittlerweile hat es angefangen zu schneien, ich schlottere bei dem Gedanken an die Kälte draußen und denke an Südfrüchte, auf die ich allergisch bin. Ich entlasse den Übernachtungsgast ins Freie, schlurfe ins Bett und lege mich unter die Decke. Ich lege den Laptop auf meinen Bauch und spüre  seine Wärme. Dann halte ich kurz inne – bevor ich Thermo-Unterwäsche für Herren bestelle. Mit Expressversand.

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