NUMMER EINS.

Ich bin als viertes Kind meines Vaters, als zweites Kind meiner Mutter auf die Welt gekommen. Als dritte Schwester von zwei Brüdern und einer Schwester. Im Kindergarten war ich der Sonnengruppe zugeteilt, die neben der Käfer- und der Mäusegruppe die Nummer zwei war und der das mittlere Spielzimmer zugeteilt wurde. In der Grundschule war ich in der Klassenliste die Letzte, direkt nach Yannick. Das Abitur absolvierte ich mit keiner Eins. Mit keiner Drei. Klassenarbeiten wurden mir nie als erstes ausgeteilt. Oftmals als letztes. Vor allem in Mathe, da die Hefte nach Noten sortiert waren. Im Tennis, im Basketball, im Ballett – stets den zweiten Platz gemacht. Das kann ich einfach gut. Das ist mein Ding.

Ich war nie jemandes beste Freundin, sondern immer nur die zweitbeste. Meine Lebensabschnittspartner gewöhnten sich an, an die erste Stelle eine Tätigkeit oder Person ihrer Wahl zu stellen (Drogen, ihre Mütter, ihren Beruf, ihre Ex-Freundin, ihre andere Ex-Freundin, ihren Beruf, ihren Beruf, ihren Beruf.) und mich auf Platz 2 zu parken, wo ich mich alsbald gemütlich einrichtete und akzeptierte, was mir mit in die Wiege gelegt wurde: nie als Erstes zu kommen. (Teenager-Doppeldeutigkeits-Witz hier einfügen.) Da ich generell zu sozialer Bestechung durch Dauerlächeln und Verständnisaufbringen neige, habe ich mich nie beschwert. Vor allen Dingen nie früh genug. Und weil der Teufel ein Eichhörnchen ist, führte eines zum anderen und ich konnte mir ohne Brechdurchfall das ein oder andere Curse-Lied zu Gemüte führen und dazu weinen. Denn Platz 2 ist scheiße und zack: hier ist die Opferrolle. Selbstmitleid, Hilflosigkeit, dies das Ananas – vermengt zu einer cremigen Masse von der Konsistenz einer waschechten Diarrhoe, in der man sich wälzen und suhlen kann, bis man sich selbst abstoßend genug findet, um denjenigen, die einen auf den zweiten Platz setzten, anerkennend zuzunicken.

Also sitze ich hier, mal wieder an zweiter Stelle, und stelle mir vor, dass Justin Timberlake sein neues Album über meine Hautunreinheiten geschrieben hat. Ich esse einen Lachstoast und fühle mich wie eine Dame von Welt, während ich 1,99 Euro Wein von Netto trinke. Ich lache über „die Letzten sind erster von hinten!“-Weisheiten, die man häufig bei den Bundesjugendspielen hörte. Ich schmiere mir Anti-Falten-Augencreme auf meine Krähenfüße und vermisse das Gefühl etwas zum ersten Mal zu machen. Und während ich sehr würdevoll zu einem Destiny’s Child Remix schluchze, beginne ich festzustellen, dass ich mit den Jahren einsehen muss: an erster Stelle zu kommen, das ist wohl einfach nicht meine Rolle.

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2 Gedanken zu “NUMMER EINS.

  1. Ich kenne keine andere Yasmin. Du wärst die erste. Ich bin sicher, das geht fast allen Leuten so. Yasmin die Erste. Yasmin I. Außerdem bist Du wunderschön, zumindest auf den Fotos. Und Wein für 1,99 geht gar nicht. Dann lieber Kleber schnüffeln. Schlimm genug, dass Du den Wein selber kaufen musst.

  2. Ich habe es geschafft alle Posts zu lesen. Hat mir die Praktikumszeit etwas versüßt, vielleicht auch etwas verkürzt – wie dem auch sei. Ich mag die Art wie du schreibst. Der selbstironische und kaputte Schreibstil imponiert mir sehr.
    Hast du lust mal mit mir ein Bier trinken zu gehen? Aber nicht auf die willig-saufen-Art mit schroffen Hintergedanken, sondern reden. 1-1. Reflektieren und sowas?
    Ich würde mich wirklich ehrlich darüber freuen.

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