VERSCHWENDUNG

Ich kenne eine Hand voll Menschen, die ihre knapp bemessene Lebenszeit verschwenden, sie brennend aus dem Fenster werfen, dass es eine wahre Tragödie ist. Manchmal möchte ich sie ohrfeigen und fragen, was sie glauben, wohin das alles führen soll. Zum Glück (vorwiegend für mich) halte ich aber vorher kurz inne und stelle fest, dass sie „nur“ mit ihrer Zeit inflationär umgehen und, nicht wie ich, mit sich selbst. Das könnte sie retten. Zumindest über die Jahre, in denen sie die Ressourcen, die sie einst so massenhaft über Bord schmissen, horten und ob ihrer Knappheit in Panik verfallen, wie das weiße Kaninchen bei Alice im Wunderland.

Was ich weder in der Schule, noch in der Universität und vor allen Dingen nicht durch meine Erziehung gelernt habe, ist, in was man seine sozialen Ersparnisse am besten investieren sollte. Was würde mir mein Bankberater oder ein Investmentbanker raten? Wen rufe ich an, wenn ich glaube, die falschen Aktien gekauft zu haben? Wenn man ausschließlich sein Herz als Einsatz hat – worauf setzt man? Und kann man es so liederlich, wie man es ins Spiel brachte, überhaupt noch retten? Egal welche „Finanz“krise es erschüttern mag? Wenn Katzen 7 Leben haben, wie viele Assets hat dann der Mensch?

Bei wem lege ich mein Innerstes an, mit dem geringsten Risiko, der größten Gewinnspanne? Und während mein Bier zwischen meinen Knien klemmt und ich versuche das Gleichgewicht zu halten, in allem, starre ich paralysiert auf die „Grundlagen des Investmentfondsgeschäfts“ in meinem Bücherregal und für einen Moment erhoffe ich mir, darin auf diese Fragen Antwort zu finden. Wie albern das ist, wird mir erst dann klar, als sich die Kälte des Bieres bis in die Kniekehlen ausbreitet und ich zusammenzucke als würde ich aus einem Fiebertraum hochschrecken. Ich verschwende mich.

Ich habe in Entwicklungsmenschen noch und nöcher investiert. Zelte abgebrochen um Städte hochzuziehen, nur um danach festzustellen, dass die Wolkenkratzer mich einengen. Mir Angst machen. Ich war ein Gefühlsarchitekt – mein Leben lang. Meine Baustoffe förderte ich unter Tage, gewann Erz nur, damit es sich auf „Herz“ und „Schmerz“ reimt und um meine Schultern zu beschweren, um den Kopf automatisch oben zu halten. Ich baute Staaten. Und verließ sie, ließ sie zu zahllosen Geisterstädten werden und denke manchen Abend wehmütig daran zurück, wie befreiend der Aufbau war. Ich komme mit Bestehendem nicht zurecht. Mit Funktionierendem bin ich unterfordert. Maßlos.

Jetzt, ohne etwas maßgeblich verändert zu haben, kriege ich nicht einmal Dörfer hin. Ich sitze auf meinen Säcken Zement und möchte endlich damit anfangen, mir die Hände schmutzig zu machen – aber wo bauen, wo es doch keinen Platz gibt? Wo Straßen und Wege schon stehen, wo Häuser und Festungen platziert und manifestiert wurden? Ich sitze auf meinen Säcken Zement und ärgere mich grün und blau, keine Baugenehmigung eingeholt zu haben. Mein Entwicklungsmensch baut selbst. Nur nicht in meinen Gefilden. Diese ließ ich unbebaut. Ich war sowieso nie Zuhause. Also bleibe ich sitzen und sehe dem Geschehen fassunglos zu. Ich rauche eine Zigarette nach der anderen, geisele meine Lunge, spüle mit Alkohol nach, und verschwende meine Zeit. Verschwende mich.

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