TOTENWACHE

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Ich wurde heute angepfiffen. Meine wunderschöne Freundin und ich wurden heute angepfiffen. Nicht einmal, nein, die komplette Wartezeit von Tick, Trick und Track auf der Straßenseite gegenüber, auf den Bus, wurden wir mit Pfiffen und Schnalzen überrollt. Ich trug meine viel zu große Jogginghose und kein Make-up, meine Freundin brüllte Menschenverachtendes über die Straße, aber sie hörten nicht auf. Sie pfiffen und winkten und brüllten und gröhlten und ich habe mich selten in meinem tristen Leben so einsam gefühlt.

Mal am Rande: was erwarten Männer, wenn Sie pfeifen und schnalzen? Dass man sich umdreht und sagt „Wow. SO SCHÖN hat bisher noch keiner gepfiffen, lass mal in die Kiste hüpfen.“ – ich blicke voller Wehmut zurück ins Jahr 2009 und U-Bahnhöfe in Neukölln, in denen mir „Mädschen Mädschen. Bleib stehen Mädschen! Tam so süüüß yaaaa“ hinterhergerufen wurde, und als man nicht reagierte direkt ein „du Schlaaaampeeeee“ ertönte. Verkehrte Welt. Auf meinem Fensterbrett an einer der größeren Hauptverkehrskreuzungen Frankfurts laufen mir täglich so einige Gestalten vor die Nase. Da ich momentan nicht so viel rauchen kann, wie ich früh sterben möchte, sitze ich eigentlich pausenlos auf dem Präsentierteller und blase kalten Rauch in die Stadt. Die Meisten gucken nur. Die Meisten geben sich damit zufrieden. Andere muss man anschnauzen und brüllen „WAS DU SO KONZENTRIERST GUCKST FRAIK MICH!“ – wenige gehen nicht mehr weg, bis man selbst geht. Dennoch liege ich in meinem 1.00×2.00m Bett Nacht für Nacht alleine und überlege, der Walgesangs-CD eine zweite Chance zu geben, um nicht ganz so einsam zu sein.

Ich kann nicht allein sein. Ich kann nicht durchschlafen, wenn niemand im selben Raum ist, ich kann mich nicht mehrere Tage hintereinander nur mit mir selbst beschäftigen. Ich brauche immer ein Projekt, eine Obsession, der ich mich hingeben kann. Ich bin einsam in meinem 1.00×2.00m Bett und zwar so sehr, dass ich die länglichen Kissen, die aneinandergereiht eine mongoloide Version eines menschlichen Körpers bilden, seit Monaten nicht mehr aus dem Bett nehme. Ich umschlinge sie mit meinen Armen und Beinen und warte, bis mich das Leben so müde gemacht hat, so erschöpft, dass ich für zwei Stunden in einen seichten Schlaf falle. Und eine Sekunde lang wünsche ich mir sogar Hitler in diese komplizierte Bettsituation, um diese unendliche Stille zu durchbrechen und schlafen zu können, wie es ein Mensch verdient.

Stattdessen wache ich nachts auf, mehrmals, gehe im Affekt den einen Meter in die „Küche“ und trinke Wasser. Dann suche ich verzweifelt etwas zu Essen. Ich brauche so dringend etwas, das mich ausfüllt, das ich verarbeiten kann, an dem sich mein Körper stoßen kann, dass ich mich manchmal dabei ertappe wie ich motzig in meinem Bett sitze, an die länglichen Kissen gelehnt, und gar nicht wahrnehme wie ich eine Schüssel Cornflakes esse, das Licht lösche und mich ganz benommen wieder dem zuwende, das dem, was ich brauche, am nächsten kommt. Ich missbrauche Stoffballen als Menschersatz, und bevor ihr das nachmacht: es funktioniert nicht. Stoff atmet nicht. Stoff liegt da, ganz kalt und stumm. Wie tot. Ich schlafe neben einer Leiche. Nacht für Nacht.

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