MACHTSPIELE

Machtspiele. In diesem Verein bin ich neustes Mitglied – und habe mir schon zwei Mal fast das Genick gebrochen, bei diesen waghalsigen Turnübungen, die ihr „notwendiges Übel“ nennt. Ich habe das Spektakel über zwanzig Jahre lang aus sicherem Abstand betrachtet. Das war nie meine Szene. Aber wie jeder Mensch kam auch ich an den Punkt meines Lebens, an dem mir die Ideen und das Verständnis ausgingen. Und voilà, hier stehe ich bei einem Handstand, der nicht mehr bringt, als dass mir der Tellerrock über den Kopf fällt und die intimsten Dinge preisgibt.

Es reicht scheinbar nicht aus, in dieser Welt, einigermaßen klug und einigermaßen ok-aussehend zu sein, 100% ehrlich und aufopferungsvoll, Commitment zu zeigen. Scheinbar ist genau das sogar der Fehler. Scheinbar erwarten Menschen brennend ein Verhalten, das genau das Gegenteil zeigt: Unehrlichkeit, bloß nicht verlässlich, bloß nicht zu viel machen, auf GAR KEINEN FALL Commitment zeigen. Jemanden an der ausgestreckten Hand verhungern lassen. Den, den man liebt, glauben machen, er sei nichts wert. In eurem Machtspiele-Verein, der übrigens hohe Mitgliedsbeiträge fordert, ist das das Basisprogramm. „Geh nicht ans Telefon. Schreib nicht zurück. Sei nicht nett. Mach nix für den. Triff dich mit anderen. Sei unterkühlt. DANN VERFÄLLT ER DIR.“ – hä?

Danke aber nein danke. Entschuldigung, Leute, aber irgendwann ist auch echt mal gut. Ich mach ja einiges mit, ist gar kein Problem, aber auf dieser Ebene hört es dann echt auf. Begreift ihr eigentlich, wie verkorkst und dumm das ist? Achtung durch Nichtbeachtung? Ey, ich hab‘ s versucht, aber ich halte das nicht durch. Nicht mal fünf Minuten. Da tut man sich doch selbst mit weh, ganz ernsthaft. Warum haben wir mittlerweile eine gigantische Population von sado-masochistischen Pseudopsychologen, die ihre Gegenüber manipulieren und dafür Liebe ernten? Und ich spreche nicht von den kleinen, sehr wichtigen Kämpfen, in denen man sich misst und mal im für alle einvernehmlichen Scherz sagt, wie egal der andere einem ist. Ich rede von Kriegsführung. Zur Eroberung von Herzen.

Euer Verein hat mich ungemein viel Geld und Zeit gekostet. Ich habe jede Turnübung mitgemacht, nach jeder festgestellt, dass sie nichts für mich ist. Ich habe  tagelang, wochenlang, die Unnahbare gespielt, obwohl mein Innerstes danach schrie, das Gegenteil zu tun. Ich habe Räder geschlagen und Waagen gemacht – nur ich selbst war dabei nicht ausgeglichen. Und wie es ausging? Dramatisch. Ich brach nicht nur mir selbst das Genick, sondern auch dem großen Ganzen. Nur die Extremitäten zucken noch. Die Reflexe funktionieren noch einige Sekunden. Die Atmung? Schon lange ausgesetzt. Der Herzschlag? Ich bitte euch …

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