MY PERSONAL JESUS

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Es gibt verlorene Seelen, die ritzen sich die Arme waagrecht auf, nur wenige Millimeter tief, aber sie tun es. Sie schlagen sich mit Linealen. Sie reißen sich die Haare aus. Sie schälen sich die Haut von den Fußsohlen. Oder sie hören damit auf zu essen. So lange und so effizient, dass es selbst für Außenstehende bereits Daily Business geworden ist. Schockt nicht mehr. Schockt überhaupt nicht mehr.

Glaubt man Medien, Forschern und meiner Mutter, gehöre ich zur „Generation Y“. Casper spricht über eine „Generation Gott ist tot.“ und ich reiße reflexartig meine Arme in die Luft und bejahe es inbrünstig. Ich habe sämtlichen, wenn überhaupt je dagewesenen, Glauben verloren, da wusste ich noch nicht einmal wie man „Darwinismus“ richtig schreibt. Wie ich vor Monaten bereits zugab, habe ich höllische Angst vorm Sterben und das Adjektiv höllisch ist hier genauso bewusst gewählt wie meine einleitenden Worte. Dennoch gibt es Phasen in unseren Leben, da legen wir es förmlich darauf an. Meistens wenn die eigene Würde so schnell an Wert verliert, wie beliebige Währungen auf der Welt. Wir steigen bei Volltrunkenen ins Auto, wir trinken selbst bis unsere Leber brennt, wir fressen und kotzen es wieder aus, weil unser Körper nach einem ganz anderen Inhalt verlangt. Wir koksen, wir rauchen, wir springen von Dächern und fühlen nichts, außer die Betäubung, die unser Herz und unseren Verstand außer Gefecht setzen soll. Wir legen uns bekifft auf Kirchengrundstücke und zertreten dort Insekten, während unsere Herzen vor Leere überschäumen. Wir warten nur darauf, dass endlich der große Knall kommt, und all dem ein Ende setzt. Dass endlich was passiert. Dass unsere Feigheit, es selbst zu tun, vom Schicksal abgelöst wird und die nächste Autofahrt im Koma, der nächste Rausch im Tod endet.

Oder, und das ist die weitaus unwahrscheinlichere Variante, uns jemand an der Hand nimmt und führt. Nach Hause bringt und uns den Kopf streichelt. Versichert, belegen kann, dass alles gut wird. Unsere leblosen Körper ein Stückchen Weg lang trägt. Uns den kalten Schweiß abwischt. All das wegnimmt, womit wir uns selbst verletzen. Insbesondere Menschen.

Die Königsdisziplin von selbstverletzendem Verhalten ist so simpel wie auch grotesk: Zuverlässigkeit. Die gezielte Suche und das An-sich-binden eines Menschens, der einem so zuverlässig wie möglich, fast wie eine Kuckucksuhr, regelmäßig wehtut. Der weder Empathie noch Skrupel hat. Mit Worten und Taten so zusticht, wie es kein Messer könnte, auf dieser Welt. Der uns bestätigt, in unseren Vermutungen, nichts wert zu sein. Von diesen Gallionsfiguren unseres Selbsthasses kommen wir in der Regel nur unter Aufbringen von unglaublich viel Energie überhaupt im Ansatz los. Der endlose Kampf, von ihnen geliebt und geschätzt zu werden, gekrönt von der ihnen zukommenden Instrumentalisierung macht sie zum Ideal unserer Welt. Unser persönlicher Jesus.

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