KRIEGSGEBIET

Ich kam in diese Stadt und hatte das Herz so weit offen wie meine Arme. Ich gab ihr die Chance, die Liebe meines Lebens zu werden. Zweifel? Kannte ich nicht. Mut? Hatte ich. Kühn? War ich schon immer. Ich kam in diese Stadt und hatte das Herz so weit offen, wie ihr eure Münder, beim Lesen meines Blogs. Es hätte schön werden können. Aber Frankfurt wollte Krieg.

Mit mir Krieg anzufangen kann aus zwei Gründen passieren: Dummheit oder Angst. Und ich möchte so frei sein, dieser Stadt ersteres zuzuweisen. Denn was hatte sie nicht alles an mir gewonnen? Ich habe drei Jahre meiner Energie in einen Ort gesetzt, der mir meine Liebe nahm. Sie entführte und von allen Hochhäusern schmiss, die über die Dorfdächer ragen – nur um sicher zu gehen, dass sie auch tatsächlich tot ist. Diese Stadt spuckte mich nach links, nach rechts, riss mich an den Beinen und Armen gleichzeitig und warf mich in die Ecke. In die Ecke mit einer neuen Liebe im Arm. Dass diese eine Attrappe war – das konnte keiner ahnen. Ich klammerte mich an sie und baute meine wenigen Habseligkeiten, die mir Frankfurt gelassen hat, um sie herum. Ich strich die Wände bunt und mir selbst über den Kopf. Zehn Monate lang hauste ich so und saugte die Luft der Stadt tief in meine Lungen, ohne zu wissen, wie sehr sie mich dabei vergiftete. Drei Jahre lang wurde ich beschossen ohne es zu merken. Jetzt, wo die Wunden immer tiefer werden und immer stärker brennen, habe ich zwei Möglichkeiten: mich wehren oder gehen.

Ich führe Krieg gegen eine Stadt und meine Armee bin ich selbst. Ich führe Krieg gegen eine Stadt, die mich nie willkommen hieß, die mir immer den Rücken zudrehte, die mich immer abprallen ließ – an Türen, an Menschen. Die nach all der Zeit nicht weiß wer ich bin, nur weiß, dass sie mir zuverlässig den Mount Everest auf den Weg legen kann und erwartet, dass ich beim Überqueren stürze, falle, sterbe.

Während ich meine Möglichkeiten sondiere, zurück nach Berlin zu gehen, stehen Menschen, die eigentlich an meiner Seite kämpfen sollten, am Wegesrand und winken mir zu, rupfen an meinem Ärmel und fragen: wirst du gehen? Tust du es? Verlässt du die Stadt? Ich zucke mit den Schultern. Würde einer von ihnen wenigstens zugeben, dass er nicht will, dass ich gehe – ich würde bleiben. Und mich selbst zugrunde richten, in dieser kalten Stadt, die nur darauf aus ist, mich in die Knie zu zwingen. Ich würde es tun, würde ein bestimmter von ihnen sagen: „bitte bleib. Ohne dich in meiner Nähe bin ich unglücklich.“ Aber es kommt nichts, außer die ausgelutschte Fragerei, ob, wann, wieso, wie bald und wie wahrscheinlich ich gehen werde. Würde einer von ihnen das Fundament bilden, auf dem ich meine Burg bauen kann, um mich vor den Geschossen zu schützen – ich würde einen Teufel tun und gehen. Ich würde die Stadt in Schutt und Asche legen und auf den brennenden Körpern tanzen, betrunken von Rückhalt und Sicherheit, die besser schützen als jedes Kettenhemd es je könnte.

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