WAS WÄRE GEWESEN?

Ich sitze hier und schreibe dir diesen Brief, dir und deinen aberhunderten Leidesgenossen, und ich habe Mitleid. So sehr viel Mitleid, dass dieser Brief in der eitrigen Wunde kratzt, wie eine rostige Speerspitze – aber besser als nichts, denn ich bin kein Arzt und egal welche Medizin ich gewillt bin zu erfinden: du willst sie nicht nehmen. Dein kaputter Rücken und du, ihr sitzt da und ihr ächzt – einer lauter als der andere. Du rotierst Dekaden mit ausgestreckten Armen von A nach B nach C nach D zurück zu A und weißt nicht wohin zuerst, woher du kamst, wo du gerade warst. Auf deinen zerschundenen Rücken gebunden: eine Angel, am Haken deine Idee, dein Ideal der perfekten Familie. Aber du bist kein Esel und trottest ihr stumpf hinterher – du jagst und fauchst, bis sie sich dir ergibt. Aber du vergisst: es ist nur eine Idee.

Ein Konstrukt gebaut aus abertausenden seidenen Fäden. Fein gewoben, strahlend, jeder der sie sieht kann nicht mehr wegsehen. Zu schön um wahr zu sein. Und sie ist eben nicht wahr. Das ist der Trick.

Dein Leben sagt Halbzeit, mit schrillernden lauten Pfeifen, und treibt dich zu mehr Eile an. Der heiße Schweiß rinnt in deine trüb gewordenen, gelbstichigen Augen, bloß keine Zeit verlieren, bloß nicht vom Weg abkommen. Aber du tust es doch.

Ich muss es dir nicht erklären, du weißt es selbst am allerbesten. Aber jetzt die jahrelange Irrfahrt beenden, die dich in der reinen Hoffnung am Leben hielt, deine Idee doch zu verwirklichen? Deinem Konstrukt fruchtbaren Boden zu schenken? Dir eingestehen, dich, deine Jahre, deine Energie, verschwendet zu haben an eine Schablone, die niemand je ausfüllen wird – dafür bist du zu stolz. Also presst und quetscht du all diejenigen, die du behauptest zu lieben, hinein, mit all deiner Kraft, die du im ewigen Galopp gewonnen hast, und hältst dich fest. Hältst dich fest an einer Vision, einem Gast, einer Fatamorgana, die in der Wüste deines Lebens nicht nur dein Wasser und Zelt, sondern auch dein Satan war. Die dich tränkt, deine Kinder, deine Frau – und nichts empfängt, außer Tritte deiner Hinterbeine, wenn du wieder bei Kräften genug bist, deiner Idee hinterherzujagen. Aber es ist die Falsche.

Und eines Tages, vielleicht genau dann, wenn du das Gefühl hast, bald angekommen zu sein – wirst du dich fragen: was wäre gewesen?

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