SCHAU HIN

Mein Vater ist Iraner. Er kam als gestandener Mann nach Deutschland, als der Iran zu dem wurde, was er heute ist und darüber hinaus noch parodiert zu sein. Er lernte meine Mutter kennen und sie bekamen nach ihrer Hochzeit meine Schwester und mich. Meine Schwester kam fünf Jahre vor mir auf die Welt und objektiv betrachtet hat sie rein optisch nicht die persischten Gene bekommen. Ich dafür schon. Aus mir heute nicht nachvollziehbaren verschiedenen Gründen hat mein Vater es versäumt uns zweisprachig zu erziehen. Unsere Eltern sprachen stets Hochdeutsch. Das wurde mir das erste Mal im Kindergarten unseres 5-Seelen-Örtchens zum Verhängnis, in dem wir eine der einzigen Familien mit sogenanntem halben persischem „Migrationshintergrund“ waren, und der örtliche Dialekt für mich nicht mehr war als unverständlicher Kauderwelsch. Ich sprach Hochdeutsch. Ich sagte „bist“ und nicht „bisch“. Ich sagte „hast“ und nicht „häsch“ und ich sagte „Onkel und Tante“ anstatt „Gotti und Getti“ – und jeder der auf mich einredete, auch die Erzieherinnen, waren für mich fremd. Ja, ich lernte ihn zu verstehen, aber nie zu sprechen, und so konnte ich irgendwann begreifen, dass ein fünfjähriger blonder Junge mich nicht fragte, ob ich mich nicht wasche, weil ich stinke, sondern weil meine Haut dunkler war als seine eigene.

Im Kindergarten ging es weiter. Da gab es Dirk, der sich die hinterste Haarsträhne hat lang wachsen lassen, der partout nicht in der Lage war meinen Namen zu sagen, und deshalb zur einfachen Variante überging – er nannte mich „Ausländer“ und alle stimmten im Chor mit ein. Ich hatte keine Ahnung was Rassismus ist, mit sechs Jahren, ich habe vielleicht immer noch keine Ahnung wie man es definiert, aber mir wurde ziemlich heiß – meine Ohren glühten – und ich begriff nicht. Schließlich sprach ich besseres Deutsch als alle zusammen. Weisch machsch bisch häsch tusch sollsch – was zur Hölle? Nach geschlagenen drei Tagen traute ich mich zu kontern und saß gerade auf einer Bank um meine Schuhe zuzubinden, als das „Ausländer“-Gebrüll von vorne losging. Da fixierte ich Dirk und sagte, so laut es meine Stimme zuließ, „du Käse!“.

Ja, Battlerap wurde mir ziemlich früh in die Wiege gelegt. Und man sehe und staune – danach war es vorbei mit dem „Ausländer“-Gerufe, weil auf einmal befürchtet wurde, selbst diffamiert zu werden. Leider fanden sie andere Wege. Auf dem Heimweg von der Schule mit dem Fahrrad durch den Waldweg wurde mir der Weg versperrt und ich nicht durchgelassen. Vielleicht weil ich damals ausstrahlte, ein leichtes Opfer zu sein. Oder weil „Ausländer“ sagen eben nicht mehr möglich war. Ich hätte weinen können, wie ein kleines Mädchen, das ich damals ja war – aber ich machte kehrt und fuhr einen Umweg. Den Berg höher rauf, als ich eigentlich musste. Manchmal mehrmals die Woche. Philip, Dirk, Lukas und Marc (und wer die Nachnamen will um ihnen mal hallo zu sagen – sehr gerne, Leute, freue mich auf eure Zuschriften) ließen nicht locker. Sie beschimpften nicht mehr nur mich, sie beschimpften vorzugsweise meinen Hund. Sie klauten ihn, wenn ich mit ihm Gassi ging, wirbelten ihn herum und gaben ihm gemeine Spitznamen. Bis meine Mutter beschloss, zumindest irgendetwas für unsere Zukunft zu tun, und unseren Nachnamen wieder in ihren Deutschen ändern ließ. Ich war sieben und ich verstand nicht wieso. „Damit ihr es im Berufsleben später einmal besser habt, die Leute lachen doch.“, sagte sie. Also war es falsch? Waren 50% an mir falsch?

Ich habe genug „rassistische“ Situationen erlebt, um diesen ganzen #schauhin-Hashtag-Twitter-Sturm mit einem Tornado verschwinden zu lassen Am Flughafen werde ich noch heute extra gefilzt. Beim Arzt sind es generell „Merkmale bei Frauen Ihrer Herkunft“  und so weiter und so fort. Ich wurde mit Steinen beworfen („macht ihr in eurem Land doch eh jeden Tag, ihr Iraker!“), mir wurde körperliche Gewalt angedroht, ab dem 11. September hatte ich einen Terroristenvater, ich selbst war auch sowas wie einer und so weiter und so fort. Blabla. Bla. Alles ganz schlimm. Und ich möchte hier keine persönlichen Erfahrungen abwerten, insbesondere nicht meine eigenen, aber … es ist müßig. Abgesehen davon, dass ich ja noch nicht einmal offiziell in diese Gruppe falle – ich bin so deutsch wie Bushido – ihr ändert rein gar nichts. Alles was passiert, ist dass sich eine Gruppe zusammenrottet und erbost mit dem Finger auf vermeintliche Täter zeigt, denen ihr Täterdasein entweder mittlerweile schon peinlich oder nie bewusst ist. Wenn ich, gepeinigtes Kind, auf meine eigene Historie zurückblicke, dann bin ich eine gehässige Person, die auf dicken blonden Frauen rumhackt oder Dumme verarscht. Nicht mein daily business, aber es passiert. Weil ich ein Mensch bin.

Unser lieber Freund Dirk, der Käse, ließ es sich meine ganze Schulkarriere nicht nehmen, den ein oder anderen Spruch zu drücken. Irgendwann traf ich ihn im Freibad. Meine Schwester wollte mir beibringen einen Köpfer zu machen. Ich hatte Todesangst – was wenn mein Kopf an der Kante anschlägt, oder ich Wasser einatme, oder es wehtut? Irgendwann stand Dirk neben mir und machte mir einen Köpfer nach dem anderen vor. Immer wieder. Immer wieder rief er „Yasmin! Komm, das geht! Mit Genuss!“ – und mit Genuss tauchte er ins Wasser ein. Ich irgendwann auch. Wann immer ich jetzt am Beckenrand eines Schwimmbeckens stehe, muss ich an Dirk, den Käse, denken. Der eine ganze Brigade Kinder gegen mich aufbrachte, aber irgendwann einsehen musste, dass ich vielleicht nie Sonnenbrand kriege (YES! SIEG!) – aber dennoch nicht so übel bin. Mein Hund starb übrigens am Tag meiner Abiturs-Abschlussfeier. Meine Mutter sagte, er hätte gemerkt, dass ich jetzt stark genug bin und ihn nicht mehr bräuchte. Ich zog nach Neukölln und meine blonden Freundinnen, die mich besuchen wollten, hatten Angst allein auf der Hermannstraße. Heute sagen mir Männer, ich sei eine „persische Prinzessin“. Eine „Rassefrau“. Meine Damen und Herren, das ist positiver Rassismus. Aber das geht dann wohl in Ordnung. Wie meine Mandelaugen. Schau hin.

Dont-cry-for-me-Iran

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Ein Gedanke zu “SCHAU HIN

  1. vielen, vielen dank, frau prompt, für einen weiteren wunderbaren artikel.
    ich kenne die von ihnen geschilderten situationen nur zu gut, so lang man sich nicht in die rolle des „canakz“ einordnet, vll. dialektfreieres deutsch spricht, als die kinder ohne migrationshintergrund, so lange wird man kritisch beäugt. erst als ich auf probe die rolle des prototypsüdländers einnahm, wurde ich in der grundschule normal behandelt. war mir auf dauer allerdings zu stressig.
    heute sind meine freunde neidisch auf meine unfähigkeit zu sonnenbrand, das kassenfachpersonal checkt mein bargeld zweimal und vor diskotheken heißt’s oft: „du und du ja, aber von dir bitte den ausweis“

    so ist’s halt.

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