NEBENROLLE

Ein sehr kluger und wundervoller Mensch sagte mir einst, es ist noch nicht so lange her, dass er sich freuen würde wenn ich mich nicht damit abfinden würde, eine Nebenrolle in meinem eigenen Leben zu spielen. Es war ein bisschen „Er steht einfach nicht auf dich“-mäßig, denn ich spreadete diese Botschaft an all meine Freundinnen, die alle jubilierend in die Hände klatschten und sagten: richtig. Nebenrolle sein ist scheiße. Und mit diesen Worten im Herzen bestritt ich meinen Alltag für Aushilfsdebile, tagein, tagaus, hielt mir den Spiegel immer öfter vor und erstarrte zu einer Salzsäule, weil Nebenrolle noch wünschenswert gewesen wäre. Ich war mehr eine Requisite. Ein Schnurrbart, den der Hauptdarsteller sich anklebt, um jemand anderes zu werden, vorzugeben, jemand zu sein, der er in Wirklichkeit nicht ist. Die Gage bleibt zweifelhaft, sowohl für mich, als auch für ihn.

Wenn dieses Leben eine Bühne ist, dann habe ich ein wunderbares Publikum aber einen sadistischen, geisteskranken, offenkundig brutalen Regisseur. Wenn das Leben eine Bühne ist, dann darf es nicht „einfach so ablaufen“ wie ein Film in einem der Massenkinos, in das die Leute gepfercht und gestopft werden, bis sie alle mit einer Erkältung oder der nächsten Tiergrippe (Faultiergrippe wäre mal was neues …) hinaus in die Welt gescheucht werden, ohne auch nur irgendwas von diesem Schauspiel, das sie da auf diesen überdimensionalen Leinwänden zeigen, mitzunehmen. Ich mag keine Kinos. Kinos sind für 14jährige, die das erste Mal knutschen möchten. Kinos sind für Menschen, deren Hirn so weichgeklopft ist, dass es eigentlich aus den Ohren bluten müsste. Die richtig guten Filme, die richtig guten Geschichten, die laufen nicht im Kino. Und falls doch einmal irrtümlich, sitzen 268 Missgestalten um einen herum und gaffen die Leinwand an ohne auch nur im Geringsten zu erfassen worum es geht. Wenn dieses Leben eine Bühne ist, wenn mein Leben eine Bühne ist, dann ist es eine, die knarzt, wenn man über sie läuft. Eine mit Holzstühlen davor, auf denen das Sitzen genauso sehr wehtut, wie das, was sich auf der Bühne ereignet.

Ich habe lange Zeit Theater gespielt. Mit 13 das erste Mal als „Hans“ bei Ionescos „Die Nashörner“ – das ich als eine der wenigen Darsteller zumindest ansatzweise begreifen konnte. Ich trug den Hochzeitsanzug meines Vaters und sagte meinen Text: ”Mein Lieber, alle Welt arbeitet. Und auch ich, auch ich, wie alle Welt, sitze Tag für Tag meine acht Stunden im Büro ab…Und dennoch, dennoch sehen Sie mich an. Mit ein bisschen Willen!” Ich schreibe diesen Text übrigens gerade, während ich meine acht Stunden im Büro absitze, aber dazu ein andermal. Es war die Hauptrolle, neben Behringer, der größte und tragischte Kritiker unserer Gesellschaft. Meine vielen Locken musste ich zu einem Zopf binden und mehrmals um den Kopf schlingen, um sie unter den Hut von Hans zu pferchen. Es war grotesk und wundervoll. Es folgte die Rolle des toten Tonda bei Krabat („Ich bin auf der anderen Seite. Bleib du auf der deinen.“) und mit 16 Jahren die der Anita in der „West Side Story“, die nicht nur durch tragische Weise Ihren Mann verlor sondern auch aufgedonnert in Strapsen auf Bühnen-Balkons saß, während sie „Anita’s gonna get her kicks tonight.“ sang. Die erste Rolle, bei der ich meine Haare nicht unter Hüten verstecken musste. Bei der ich sang. Am Ende brachte mir mein damaliger Freund einen Blumenstrauß hinter die Kulissen, wir hatten gerade eine „Beziehungspause“ und sagte mir, ich sei schön.

Und zu guter letzt, das sollte meine letzte Rolle gewesen sein, spielte ich den „Kater“ im Musical HONK!, ein Remake von „Das hässliche Entlein“ – den Bösewicht. Ich musste einen Schnurrbart tragen. Er kratzte unter der Nase und machte mich schier wahnsinnig. Auf der Bühne ließ ich mir nichts anmerken, sobald ich in der Garderobe war flippte ich aus, schrie und brüllte und scheuerte mir die Haut wund. Ich ertrug diesen Fremdkörper nicht. Es gab nur eine Sache, die ich noch weniger ertragen konnte, als den Schnurrbart unter meiner Nase. Ihn abzuziehen. Jedes Mal, und es gab vier Samstags- und vier Sonntagsvorstellungen, fühlte es sich an, als würde ich mir meine Lippe abreißen. Der erkaltete und harte Klebstoff blieb in Resten zurück und ließ mich aussehen wie eine Leprakranke. Er stank. Oft saß ich den Tränen nahe vorm Spiegel und hatte Angst mich von ihm zu trennen. „Mach doch nicht so ein Theater“, sagten meine Schauspielkollegen. Wie ironisch.

 Mustache

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