HANDWERKER- HÄNDE

Mein Leben ist eine Baustelle. Mein Berufsleben ist eine Baustelle. Mein Arbeitsplatz ist eine Baustelle. Der Eingangsbereich wird neu gemacht. Das Stockwerk über uns: renoviert. Wenn niemand bohrt oder klopft, oder brüllt, haben wir kurz Zeit durchzuatmen. Ich hab ein Händchen für Handwerker. Manchmal glaube ich, dass sie viel zu oft viel zu beschissen behandelt werden. Nicht ernstgenommen werden. Ich lache sie deshalb immer doppelt so freundlich an, wie Rechtsanwälte oder Geschäftsführer.

Eines Tages, ich rauchte gerade eine Zigarette zwischen Tür und Baustelle, kam einer der älteren Bauarbeiter, und schenkte mir einen Apfel. Der Apfel war klein, er sah nicht einmal genmanipuliert aus. „Für nach der Zigarette“ sagte er. Dann bewegte er sich wieder Richtung Arbeit, mit seiner orangenen Weste und seinem Helm. Der Mann ist Italiener, geht vermutlich stark auf die 60 zu und hat eisblaue Augen. Er muss ein schöner, ein sehr schöner Mann gewesen sein, vor zwanzig, vor dreißig Jahren. Jetzt sieht er aus wie eine Birne, die zu lange in der Sonne gelegen hat. Nur noch die Augen funkeln. Vielleicht verschenkt er deshalb immer Äpfel.
Jedes Mal wenn ich auf die Arbeit komme winkt er mir. Manchmal habe ich Angst, dass er vom Gerüst fällt, so enthusiastisch ist er. Ich winke zurück. In manchen Momenten glaube ich, ich bin die einzige, die ihn sieht.

Heute ging ich zum Kiosk um die Ecke und hörte dabei Musik über Liebe. Ich kaufte ein Päckchen Vogue blau und eine Packung Kaugummis. Auf dem Rückweg fing er mich ab und drückte mir wieder einen Apfel in die Hand. Ob ich bis vier arbeiten müsse, wollte er wissen. Ich schüttelte den Kopf. Und nun sitze ich hier und esse diesen Apfel. Er ist mehliger als der erste. Bald wird der Italiener mit den eisblauen Augen weg sein, auf der nächsten Baustelle. Dann kommen die Glaser. Und bauen auf dem Fundament, das er legte.
Wohin er als nächstes geht? Welche Baustelle ist dann dran? Wem wird er dann Äpfel schenken?

Handwerker haben ein Händchen für mich. Manchmal glaube ich, dass sie sehen können, dass ich viel zu oft viel zu beschissen behandelt wurde. Nicht gesehen wurde. Zu wenig Vitamine aß. Oder so.

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