UMSTURZ: UMZUG

Es ist Nummer 6. Mein sechster Umzug in 23 Jahren, der zweite in 2013. Ich bin Profi im Kistenpacken. Ich habe eine Umzugshymne und Millionen von Müllsäcken. Mein Leben passt in schätzungsweise 7 Umzugskartons, 2 Reisetaschen, einen Wäschekorb und eine IKEA Tüte. Umzug heißt Umsturz. Heißt Veränderung. Davon habe ich mit Kammerflimmern in Stereo eigentlich zu viel – aber noch nicht genug.

Ich kenne Menschen, genauer gesagt zwei Männer, die über 30 Jahre lang in derselben Wohnung wohnen. In derselben Stadt. Absurderweise fühle ich mich zu eben diesen beiden am stärksten hingezogen – dabei unterscheidet uns so viel. Ich werfe weg: vermeintliche Erinnerungsstücke, die ich nicht mehr assoziieren kann. Kleidung. Post. Alles, was mich beim Erklimmen des 4. Stockwerks mit meinen Habseligkeit belasten würde, findet seinen Weg in den Müll. Ich kann nicht viel (er)tragen. Sie hingegen haben ihre Basis, ihren Stützpunkt und ihre Berge an Habseligkeiten, von denen sie mittlerweile nicht einmal mehr wissen, dass sie existieren. Sie sind die Hausältesten, kenne jeden Winkel ihrer Heimat. Sie haben Wurzeln – ich bin eine Schnittblume. Eine Nomadin im Herzen.

Veränderung hält mich am Leben. Am effektivsten bin ich mit einem konstanten Puls von 190, die weibliche, actionärmere Version von Jason Statham. Ich habe nie gelernt irgendwo anzukommen, mich irgendwo niederzulassen, Ruhe einkehren zu lassen. Es ist ein Geschenk, das mir bisher niemand machen konnte. Nicht einmal ich selbst. Ich putsche meine eigene Regierung durch hysterischen und ungesunden Wandel der Demographie, denn ich weiß, Modernisierung hat noch keinem Land geschadet. Aber es ist an der Zeit einmal innezuhalten. Auf Deponien verteilt in ganz Deutschland liegen mittlerweile Tonnen von Eigentum, das ich schon längst aus meinem Kopf gestrichen habe – und das mir vielleicht manchmal unbewusst fehlt. Nach jedem Umzug werfe ich die Umzugskartons hysterisch in den Müll um mir dabei selbst zu verbieten, so schnell wieder auszureißen. Es ist wie sich selbst von zu voreiligem Sex abzuhalten und sich absichtlich nicht die Beine zu rasieren. Und dann passiert es doch, weil man sein Gegenüber so großartig findet, dass man all seine Pläne über Bord wirft und ihm die stoppligen Beine entgegenhält, aus lauter Faszination. Kleiner Hinweis am Rande: danach ist man die Irre, voreilige Schlampe, die sich nicht die Beine rasiert hat.

Die zwei Männer, mit ihren Lebenswohnungen, werden auch die nächsten 30 Jahre darin wohnen. Vermutlich machen sie damit alles richtig. Sie können sich glücklich schätzen so früh angekommen zu sein. Aber der Balast aus jedem Lebensjahr quillt ihnen aus den Ecken. Und so rede ich mir ein, reise ich lieber mit leichtem Gepäck, und bleibe die Schnittblume, zu der ich wurde, anstatt mich jeder Witterung aussetzen zu müssen. Auch wenn ich von außen betrachtet weit weniger Bestand habe, lasse ich mich vom Wind tragen und lande mit etwas Glück im Paradies. Oder pralle gegen Wände. Wir werden sehen, wann Nummer 7 kommt. Meine Glückszahl.

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