KEINE ANDEREN GÖTTER

Ich stehe auf „dunkle Typen“. Braune Haut, braune Augen. Schwarze Haare. Natürlich muskulöse Oberarme. Charisma.
Setzt mir einen Araber vor die Tür und ich fress ihn auf. Und dann wäre da Paul Walker. Den blonden, blauäugigen Hollywood-Good-American-Guy-Typ. Ich kam im jungen Teenageralter über eine Freundin auf ihn und seine Filme und habe ungelogen jeden noch so schlechten Streifen mit ihm gesehen, um mich an seiner Schönheit ergötzen zu können. „Timeline“ und „Joyride – Spritztour“ sind nur wenige Auszüge seiner furchtbaren Filme. Aber da gäbe es „Running Scared“, ein Werk, das filmerisch so perfekt gemacht wurde, dass ich ihn mir auch noch das neununddreißigste Mal anschauen kann. Am Sonntag wachte ich auf und hatte von jedem Menschen, den ich mit meiner Paul Walker-Obsession therapierte, eine SMS bekommen, die mir die Nachricht überbrachte, er sei tot. Tot. Nicht mehr da. Nie mehr.
Ich war tatsächlich einen Moment lang traurig. Die guten Männer sterben uns mittlerweile unter den Händen weg.

2013 ist ein Kack-Jahr. Marcel Reich-Ranicki. Margaret Thatcher. Otfried Preußler. Der Sensemann hatte Hochkonjunktur. Natürlich kannte ich keinen der Dahingeschiedenen persönlich, aber ob es Preußlers Kinderbücher waren, die ich als Kind verschlang, oder Marcel Reich-Ranickis „ICH NEHME DEN PREIS NICHT AN!“ 17x bei Youtube sah: sie waren nunmal auf irgendeine Weise – kein allzu großer, aber immerhin – ein Teil meines Lebens. Das werden sie aktiv nicht mehr sein können. Und das ist beschissen und deshalb kotze ich. Bei dem ganzen Promi-Massensterben fiel mir allerdings auf, wie unterschiedlich die Reaktionen ausfielen. Insbesondere die der Herren unserer verträumten Internetwelt.

DU SOLLST NEBEN MIR KEINE ANDEREN GÖTTER HABEN

Männer haben die unangenehme Eigenschaft, jedem zu erzählen, sie seien nicht eifersüchtig („Ich bin nicht eifersüchtig. Nie.“ – Zitat Männer, 10.000 v. Chr. – 12/2013 n. Chr.) um sich dann auf widersprüchliche Art und Weise benehmen wie King Kong wenn er schwitzt, sobald sie nur ein Windstößchen von Bedrohung wittern.
Spulen wir ins Jahr 2009 zurück, als Brittany Murphy unverhofft an Herzversagen starb. Eine junge schöne Schauspielerin, blond, Kulleraugen, volle Lippen. Männertraum.
Ein Twitterauszug, der die Allgemeinheit der „0815“-Damen repräsentiert, die sich dieser Nachricht ausgesetzt fanden:
wow1

Cut – Dezember 2013. ein Twitterauszug, der die Allgemeinheit der „0815“-Herren repräsentiert, die sich dieser Nachricht ausgesetzt fanden:
wow.

Die Vice fasste es an dieser Stelle übrigens auch sehr gut zusammen:http://www.vice.com/de/read/die-schlechtesten-tweets-zum-tod-von-paul-walker/?utm_source=vicefb
Wow. Leute, das ist genügend Stoff einer Doktorarbeit in Soziologie, Psychologie, Gender Studies, MATHEMATIK – geht es offensichtlicher? Seid ihr ernsthaft an dem Punkt angekommen, an dem ihr nicht nur Rivalitäten gegenüber lebenden Artgenossen, sondern auch den Toten verspürt? Respekt, ich dachte ja, eure Peniskomplexe reichen bis ganz unten in die Realität – aber das, Boys und Boyerchen, wird bisschen surreal – merkt ihr selbst, wa?
Um euren jahrhundertelang antrainierten Satz „Ich bin nicht eifersüchtig. Nie.“ aber nicht als Mogelpackung zu enttarnen, schiebt ihr das vor, von dem ihr in vielen Büchern gelesen habt, aber es selbst selten lebt: Moral! Gleichheit! Brüderlichkeit! Frankreich! (Oh. Nein. Frankreich nicht.)
Was ist mit dem armen Kerl, dem kleinen Fahrer, den kein Mensch kannte, warum trauert ihr nicht um ihn? Warum um Paul Walker, der viel schöner war als wir es sind? Und viel erfolgreicher? Das ist eine Todsünde! IHR SOLLT NEBEN MIR KEINE ANDEREN GÖTTER HABEN!

Vielleicht ist es so simpel wie die Steinzeit: während die Männlein mehrere Weibchen zur selben Zeit hatten (Stichwort Polygamie), mussten die Damen lernen zu teilen. Immer und jederzeit. Das ist noch heute so. Viel zu oft. Und viel zu selbstverständlich. Im Gegenzug wurde nämlich eine gewisse Hörigkeit erwartet: Eine einseitige Monogamie der Ladies. Biologisch vertretbar, eine Schwangerschaft dauert nicht nur einen Augenblick. So ist ein Tod von Dirk Bach (alt, adipös.) genauso einfach zu verkraften wie das Ableben eines Loriot (superalt. Kein Frauenmagnet.) – wehe aber, die Weibchen heulen um einen gutaussehnden, sympathischen 40jährigen Mann, der viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde. Wehe euch, ihr hörigen Huren! Da entpuppen sich der notorische Fremdgänger, der Frauen-Vögler-und-dann-Wegwerfer oder der sonst ganz nette Dauer-Single zur Moralpolizei. „WAS IST MIT ROGER RODAS??“ rufen sie. Oh falsch. Entschuldigung. Den Namen, des ebenfalls Ach-so-wichtigen Mannes, der sich selbst und Walker in den Tod fuhr (aktiv oder passiv sei hier mal wertfrei dahingestellt) kennen nicht mal die Miesepeter. „Zweiter Insasse“ heißt es da. Oder „Fahrer“ – dass der Mann einen Namen hat, eine Frau, zwei Kinder – scheißegal. Hauptsache er ist nicht schön. Hauptsache sein lebloser Körper nimmt euch nicht die paarungswilligen Schnallen weg. Und wenn es Rodas nicht ist, dann ist es ein Kind in Afrika. Oder alle Kinder in Afrika. Oder alle.

Ich schließe hier mit einem Zitat, das treffender nicht hätte formuliert werden können. Übrigens von einem Mann. Ausnahmen bestätigen die Regel <3:

zitat

Titelphoto: EPA
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2 Gedanken zu “KEINE ANDEREN GÖTTER

  1. Die Damen mussten lernen zu teilen. Immer und jederzeit. Zählen dazu auch sinnbefreite Texte und wirre Gedankengänge?
    Nur weil du als Teenager einen feuchten Schlipper von seinen Filme bekommen hast und jetzt nicht darüber hinwegkommst, dass das Medienecho zu seinem Tod aus Deiner Sicht nicht angemessen ist, ist es unnötig jetzt hier so eine künstliche Gender-Keule rauszuholen und blind um die Gegend zu schlagen.
    Das hat nämlich nichts mit Schwanzvergleich zu tun, sondern mit Augenmaß. Es ist immer tragisch wenn Menschen sterben. Egal ob prominent oder nicht – deswegen ist es aber auch überzogen sich an genau den Toden aufzugeilen, wo Personen des öffentlichen Lebens beteiligt sind.

    Für gewöhnlich sind Deine Beiträge immer sehr inspirierend. Der hier war keiner davon.

    • Ich muss darauf antworten, ziemlich dringend: wie ich erwähnte, ist diese Erscheinung neueren Datums an Fülle so groß, dass man darüber eine Doktorarbeit verfassen könnte. Natürlich ist es nicht nur mit der Gender-Keule zu bewerkstelligen, darin eine logische Ordnung zu „schaffen“. Aber eben auch. Man könnte über viele Gesichtspunkte sprechen, in diesem Kontext. Zum Beispiel, dass die Mortalität, die Sterblichkeit der Menschen, sei es die derer in unserem Umfeld, oder eben „entfernte“ Menschen mit Öffentlichkeitsstatus, erst durch diese Nachrichten wieder kurz in unserem Bewusstsein ankommen, Menschen innehalten und in ihrem paradoxen Schockmoment „Leben ist endlich“ durch Kondolenzbekundungen ihrer Starre Ausdruck verleihen.

      Ich muss mich selbst aber auch ein Stück weit verteidigen und überlasse es jedem selbst, dieses Phänomen socialmediaseitig zu überprüfen, denn insbesondere bei diesem Todesfall (ich hätte auch auch einen anderen, weniger „aktuellen“, dafür objektiv schönen Mann nehmen können) ist es wirklich nicht von der Hand zu weisen, wie – !insbesondere Männer ! – äußerst pikiert auf die Reaktionen mit einem schadenfrohen Beigeschmack reagierten. Das ist kein Wunsch, aber ich bin mal gespannt, wie sich ebendiese bei einem frühen Ableben von beispielsweise Megan Fox verhalten würden. Sicherlich gäbe es da Unterschiede festzustellen.
      „Na, wer möchte Paul Walker jetzt noch ficken?“ ist einer der Beiträge, den ich, zum Schutz des Verfassers, hier überhaupt nicht auftauchen lasse – aber die Gipfel des Eisbergs. Und ersetzt Paul Walker gerne durch „Heath Ledger“, „Andy Irons“, „Ambrose Olsen“ etc. etc. etc.

      Das Medienecho, um auf dein Kommentar explizit zurückzukommen, zu seinem Tod ist mir in seiner Angemessenheit im Übrigen egal. Mir geht es um das Echo derjenigen „Privatpersonen“, die es nicht ertragen (!), was so ein Vorkommnis kurzzeitig auslöst. Jeder kennt Sterbefälle innerhalb seiner Familie, innerhalb seines Freundeskreises, „die Oma von“, „der Cousin von“ – bis es so weit aus seinem eigenen Wirkungskreis abrückt, dass man trotz seiner Betroffenheit zugestehen muss: ich kenne diesen Menschen nicht aber ich respektiere die Ausnahmesituation. Zumindest in einem angemessenen Zeitrahmen. Egal ob diese jemals „feuchte Schlipper“ verursacht haben, oder einen anderen bleibenden, positiven Eindruck hinterließen.

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