AKKUS

Ich glaube nicht an Akkus. Akkus sind eine Erfindung, eine Metapher der Technik, um uns glauben zu machen, man müsse nur lang genug warten und genauso lang Dinge tun, um wieder  den Punkt der Vollkommenheit zu erlangen. Ich starre oft genug auf mein halb entladenes iPhone, das die Weggabelung zu aberhunderten von Menschen bildet, denen ich immer und zu jeder Zeit mitteilen kann, wie es mir geht – und umgekehrt. Sobald das Symbol, das den Akku aufzeigt, rot leuchtet, werde ich panisch und suche hysterisch das Ladegerät, das nach genügend Warten wieder genügend Sicherheit gibt, mich frei in dieser Welt zu bewegen. Das ist ziemlich albern. Aber ziemlich realistisch.

Der Begriff „Akku“ wurde auf mehr als nur Technik übertragen. Da gibt es im Allgemeinen beispielsweise das Wort „Kraftreserven“ die aufgebraucht und wieder aufgefüllt werden. Es gibt „Tanks“ die leer sind, weswegen man nicht so effizient voranschreiten kann, wie zuvor. Und, ganz neu im Metaphernbusiness, den Kuschelakku, der bei mir angeblich nahe der 0% angekommen war, und den man, wie ein Aquarium, in dem Fische vor sich hin ersticken, nach und nach wieder füllen kann, in der sicheren Annahme, danach wäre alles wieder gut. Ich mache es kurz: schön wär’s! Ein Mensch funktioniert, zumindest in der Zuneigungsebene, nicht wie ein iPhone oder eine Autobatterie. Er ist nicht mechanisch. Ein Mensch – und seine Seele – sind ein komplexes Gebilde, das ich vermutlich selbst mit 99 Jahren nicht verstanden haben werde. Aber alles, in jeder Hinsicht, nur kein Akku.

Wäre ich ein Akku, wären meine Bedürfnisse außerhalb der lebenserhaltenen Maßnahmen ein Akku, wäre alles gar kein Problem. Es gibt Callboys, es gibt Clubs, es gibt Bars – ich könnte mich frei von Zwängen seelisch prostituieren und mir den nächsten ins Bett schleppen, der mir in die Finger gerät, mit dem einfachen Ziel meinen Akku aufzuladen. Danach würde ich quietschfidel durch die Welt spazieren und sobald die unteren 10% erreicht sind das Spiel von vorne beginnen. Wie eben eine Autobatterie. Ich – als Leistungsträgerin. Da aber, wie eingangs erwähnt, der Mensch eben nur zu supergeringen Teilen aus dieser Akkufunktion besteht, wird es recht schnell recht problematisch. Lasst mich ausholen und den Ball übers Netz schmettern:

diese Welt ist ein großes Gefängnis mit ziemlich viel Hofgang aber noch viel mehr Zelle, die man sich selbst auferlegt. Wir alle tragen Uniform. Jeder möchte herausstechen, anders sein – und das macht uns so gleich, dass mir schlecht wird. Jeder sucht händeringend nach etwas, das einen hält – und das man selbst halten kann. Wenn man es nicht bekommt wird man manisch, aggressiv, irgendwann aber setzt der Moment der Resignation ein und man lernt sich selbst zu halten. Man fickt ohne Augenkontakt und man unterbricht jede intime Situation mit hysterischen Toilettengängen. Wenn man es nicht bekommt, wird man krank. Wie eine Halsentzündung – die Stimme wird rauer, Schlucken ist schmerzhaft. Aber man triumphiert sie gekonnt, die Ellenbogen, die einem in die Nieren drücken, werden weggerammt. Man ist Superman, Captain America, Cat- oder WonderWoman. Es ist scheiße unbequem, insbesondere in seiner Zelle, aber man hat sich damit arrangiert und obwohl man sich immer danach sehnt und sehnen wird: man hat sich häuslich eingerichtet ohne die Wärme durch sein Gefängnis zu tigern, das man Leben nennt.

Und dann passiert es doch. Aus Mitleid oder sonstigen Gründen, man bekommt was man sich so sehnlicht wünscht. Einen Aufladvorgang lang. Lang genug um zu realisieren, was es ist, und was es mit einem macht. Kurz genug um darüber hinwegzutäuschen, dass es nicht mehr ist, als eine Fatamorgana. Sobald einem diese Zufuhr gekappt wird – war’s das. Es ist wie einem Ex-Heroinabhängigen das H in die Venen zu drücken und davon auszugehen, dass nun für gewisse Zeit alles gut sein wird. Wird es nicht. Es wird schlimmer. Und schlimmer. Und schlimmer. Bis man an seiner eigenen kalten Kotze erfriert und sich fragt, warum man überhaupt den Arm ausgestreckt hat und die Dosis zuließ, die einen kurz in andere Sphären katapultierte – nur um noch effizienter zu sein, beim darauffolgenden Genickbruch.

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2 Gedanken zu “AKKUS

  1. Wunderbare Metapher. Ich stelle mir das nicht einfach vor über sowas zu schreiben – zumal einem Seelenstriptease ja meist anhaftet, dass er ins Pathetische abdriftet. Trotzdem hast du die Gradwanderung sehr gut geschafft und in den wenigen Passagen ganz gut den Kern getroffen. Sehr schöner Text.

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