AUS DER AFFÄRE ZIEHEN

Mein Leben lang ließ ich mir einreden – und tat es auch selbst, vor dem Spiegel, oder vorm Schlafen gehen – dass ich nur lange genug durch die Wüste gehen, halb verdursten, mich von Kakteen ins Gesicht peitschen lassen muss, um eines Tages an die wohlverdiente Oase zu gelangen, festzustellen, dass alles sich auszahlt. Nur lange genug durchhalten. „Wenn du jetzt aufgibst, wenn du jetzt müde wirst und bockst, und um die nächste Ecke wäre das Paradies gewesen – das wäre fatal. Du hättest deine Zeit und deine Kraft verschwendet.“ Zwiegespräche, die ich nie müde werde, mit mir selbst zu führen.

Es gibt viele Momente im Leben, da ist es tatsächlich so. Vielleicht im Job, wenn man auf die Beförderung warten und an einem Platz sitzen muss, bei dem der Monitor flackert und es am nächstgelegenen Fenster zieht – da zahlt es sich aus. Am Ende der Warterei, des ganzen Malochens, hat man eine dickere Zahl auf dem Gehaltsnachweis stehen. Davon kann man sich dann Glück kaufen – entschuldigt, davon kann man sich dann eingeredetes Glück kaufen. Aber Seite an Seite mit einem Individuum den steinigsten Weg seines Lebens zu bestreiten und mit großen, ausgetrockneten, hohlen Augen zu ihm aufzusehen und darauf zu spekulieren, dass irgendwann, morgen oder in hundert Jahren, alles gut wird – das ist schon sehr naiv. Das ist kein Jakobsweg, keine Fußreise nach Mekka. Das ist dumm.

In Filmen, Büchern, Geschichten, die uns fesseln, da passiert es. Da werden die Ausnahmen zur Regel. Krebs wird geheilt, Rettung naht in letzter Sekunde. Es wird mit solch einer Leichtigkeit alles gut, dass man dazu neigt, Gefahr läuft, zu glauben man sei selbst der Held der Geschichte, der sich durch den Fabelwald schlug und am Ende die Prinzessin bekommt. Wir bekommen Äste ins Gesicht. Jeden Tag. Stechen uns die Augen aus, verdursten und rechtfertigen es mit einem Traum, einem Luftschluss, einem Ideal, dessen Realität nie in Kraft tritt. Es gibt keine Justiz, die das Glück gerecht unter allen aufteilt. Man muss es sich holen. Und man holt es sich ganz sicher nicht durch aushalten.

Ich habe nachhaltig Angst, eines Tages vorm jüngsten Gericht – meinen eigenen Nachkommen – zu stehen und mich rechtfertigen zu müssen. Angst davor, auf ihre Fragen antworten zu müssen, wenn sie wissen wollen, warum ich Jahre meines Lebens an Menschen verschenkte, die sie nicht einmal zu schätzen wussten. Sein Innerstes, das lapidar in der nächsten Ablage landet, bei den anderen Millionen Herzen, die aufgebahrt verwesen, und deren Geruch das beste Aftershave ist um immer mehr Kopflose anzulocken, süchtig zu machen und ihnen ihren Sommer zu stehlen. Ich brächte es nicht übers Herz – sollte ich zu diesem Zeitpunkt so etwas noch besitzen – über meine runzligen Lippen die bittere Wahrheit loszulassen, die mir schon jetzt, in voller Blüte, mehr als nur klar ist.

Eigentlich ironisch, wie „sich aus der Affäre ziehen“ auf einmal eine ganz andere, passendere, Bedeutung bekommt. Wenn man nur etwas hätte, das einem den verlässlichen Halt gibt, sich daran hochzuziehen – und auf die Wüstenwanderung zu scheißen, die man im Grunde – entgegen seiner festen Annahme – immer allein bestritt. Denn der Weggefährte, der von unserem Speichel trank, weil wir befürchteten er würde verdursten, war bereits die ganze Zeit im Paradies.

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