AUF DER JAGD

„Wenn der Benz anspringt und die Reifen wieder qualmen bin ich auf der Jagd nach euch Fotzen.“ während ich dies höre, mein Herz aufgeht und meine Augen böse zu kleinen Strichen verschmälert werden bin ich weder in einem Benz noch auf der Jagd nach einem beliebigen Personenkreis. Ich sitze im ICE nach Freiburg um meinen kranken Vater zu besuchen und bin wütend. Wütend über alles. Wütend über die Straßenbahn der Linie 16, die Sonntags nur dreimal pro Stunde fährt. Wütend über Hildegard vor mir, die ihren Sitz zu weit nach hinten gestellt hat, wütend über den Rundfunkbeitrag und wütend über meine aktuelle Haut- und Haarsituation. Ich höre Bushido und trage meine durchgelaufenen Air Max. Irgendwie bin ich doch auf der Jagd nach euch Fotzen.

Ich bin vierundzwanzig und ich habe schlechte Laune. Es gibt verschiedene Wege diesen Gemütszustand zu korrigieren. Hildegard vor mir, zum Beispiel, würde zum Nordic Walking gehen, um ihr Gleichgewicht wiederherzustellen. Peer, zu meiner Rechten, präferiert da sicher das heimische Fitnessstudio während Hans-Dieter zwei Reihen weiter links seiner Frau ein Veilchen schenkt (und ich rede nicht von Blumengestecken zu Valentinstag, meine Freunde). Ich besuche Rapkonzerte, so habe ich das schon immer gemacht. Mit vierzehn das erste Mal – seitdem hat sich viel geändert. Damals, als ich noch eine der wenigen (einzigen!) Frauen war, die zu Savas live ausgerastet ist, finde ich mich nun bei Konzerten inmitten von Gabys wieder. Und sie tragen High Heels. Das ist zu verkraften, denn wenn man ihnen in seiner Euphorie oft genug auf den Fuß springt, verziehen sie sich immerhin noch während der ersten beiden Tracks wimmernd in die nächstgelegene Diskothek, auf ein Gläschen Sekt vom Barkeeper hoffend. Vergangenen Freitag beschloss ich also ein Konzert aufzusuchen, bei dem mir von Anfang an garantiert wurde, dass Mütter beleidigt werden. Bushido live.

ruepel-rapper-bushido-musste-wegen-27-punkten-in-flensburg-zum-idiotentest-Bild: dapd

„Vom Bordstein bis zur Skyline“, mittlerweile indiziert, 2003 erschienen, war das erste Album das ich heimlich mit meinem Discman (!!!! DISCMAN!!! HALLO!!!) hörte, da ich wusste, meine Mutter würde mich sofort an der nächstgelegenen Raststätte aussetzen, wenn sie hören würde, was wiederum ich höre. Ich habe es geliebt. Ich liebe Rap. Ich liebe Gangstarap. Ich habe Abitur. Ich zerfließe vor Glück wenn ich Sätze wie „Du kleiner Hurensohn, fick deine Schulnoten, friss meine Schuhsohlen, leck meine Spucke jetzt vom Fußboden.“ höre, nicht, weil ich danach zur nächsten U-Bahn Station gehen, auf den Boden rotzen und einen beliebigen Passanten dazu bringen möchte, eben diese vom Boden zu lecken – sondern weil ich dazu echt böse guckend zum Kiosk laufen, meine Zigaretten kaufen, den Rauch wütend in die Luft blasen kann und danach meinen inneren Seelenfrieden gefunden habe. Ja, es ist manchmal so simpel, Leute. Think about Metaebenen, by the wizzay.

Auf dem Weg zum Konzert werden wir von einer Gruppe 16jährigen Jungs angesprochen. „Entschuldigung? Geht ihr auch zu … zu… äh .. zu … Bushido?“ – ich bleibe eine Sekunde versteinert stehen, bis ich ein wenig lachen muss. Sie sind nicht so doof, dass ihnen der Name ihres Lieblingskünstlers entfallen ist, im Gegenteil. Sie schämen sich. Sie schämen sich in eine Schublade gesteckt und dort vergessen zu werden. Sie tun mir leid. Wie sehr ich mir selbst leidtun würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Meine Freundin und ich verstecken unseren Penny-Vodka und die zwei Flaschen Mische an einem abgelegenen Ort und kichern. Ich bin kurz mental wieder im Gymnasium und lächle zufrieden. Am Eingang werden wir nach unseren Ausweisen gefragt, nachdem zwei unter 16jährige wieder nach Hause geschickt wurden. Wir bekommen ein gelbes 18+ Bändchen und stürzen uns in den Moloch. Ich stehe in Schockstarre am Eingang und traue meinen Augen nicht. Kein Wunder, dass Kay One ständig Sex mit Minderjährigen hatte, wenn das das einzige Klientel ist, das diese Konzerte besucht. „Die kennen kein einziges von den alten Liedern“, stellen meine Freundin und ich überzeugt fest. Dann werden wir von einem Abiturienten angetanzt. Detlef D! Soost hat Tränen in den Augen.

Ich mache es kurz: das Konzert war eine Katastrophe. 60 Minuten Spieldauer, wenn’s hochkommt, inmitten von schwitzenden Teenagern, die den kompletten Zeitraum nichts anderes gemacht haben, als ihr Smartphone in die Luft zu halten. Während meine Freundin vollkommen zu Recht pöbelnd alles anschreit, das sich bewegt, weil ihr Herz in tausend Stücke bricht, stehe ich wie angewurzelt da und sehe nichts, außer Arafat, der das komplette Konzert über nichtstuend am linken Bühnenrand verweilt. Die Kinder rufen ihn ununterbrochen und flehen ihn an mit ihnen trinken zu gehen, während Bushido die „Klassiker“ der letzten 4 Jahre performt (also all die Songs, die ich mich stets weigerte zu hören, weil Bushido nur und ausschließlich als pöbelnde, arrogante, Ausdrücke-um-sich-werfende menschliche Verfehlung genießbar ist!) und immer wieder darum bittet, dass die Leute ihm endlich zuhören sollen. Es ist fast als würde er flehen. Die Situation ist absurd. Ich möchte nach Hause. Als ich erschüttert feststellen musste, dass nicht einmal „Leben und Tod des Kenneth Glöckler“ live gespielt wurde, wollte ich in einem Tränenmeer ertrinken. Wir sind die ältesten in der Union Halle, die enttäuschtesten, vielleicht auch die betrunkensten – wir haben keinen Spaß und Schuld daran ist vermutlich Arafat, mit seinen ehrlichen Immobilien.

Der Abend verlief friedlich. Die Kids hatten ihren Spaß, ihre zwei Vodka Bull (meine Freundin musste ihnen eben diesen käuflich erwerben – STRAFTAT YAAA) und nachdem wir von einer Gruppe 21jähriger unerlässlich belästigt wurden („mach dich mal locker! Komm, mach dich mal locker!“ -„KIND! ICH BIN ALT! HAUAB!“) beschlossen wir, es dabei zu belassen und gingen wenig beschwingt zurück zu unserem Penny-Vodka-Versteck. Es war die Kirsche auf dem Sahnehäubchen Diarrhö, als wir feststellen mussten, dass unser Alkoholdepot entdeckt und wir beraubt wurden. Es war wohl jemand auf der Jagd nach uns Fotzen.

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