DURCHSICHTIGER MENSCH

Facebook / Whatsapp und eine Hauptverkehrsstraße im Iran mögen im ersten Moment so viel miteinander zutun haben wie ich mit gutaussehenden Männern hoher Intelligenz, die mich uneingeschränkt super finden und ehelichen wollen: nichts. Aber ich helfe gerne, das ist meine schlechte Eigenschaft, und erkläre es euch – dazu hole ich aus und vergebt mir die Irrungen und Wirrungen durch die ich euch führen muss, aber wäre das Leben einfach, würde es nicht Leben heißen sondern Erstklässlermathetest. Ich schweife ab.

Ich bin Jahrgang 1990. Ein runder Jahrgang, der einiges mitbekommen hat, aber ganz sicher nicht die 80iger. Am „Millennium“ Jahreswechsel war unsereins mit seinen Eltern unterwegs, denn da waren wir gerade mal zehn Jahre alt. Zwei Jahre später hatte fast jeder Privathaushalt einen Internetzugang. Weitere zwei Jahre später fast jeder Jugendliche ein PrePaid-Handy. Kurz: wir haben zwölf Jahre gelebt wie Amish um dann im digitalen Dschungel ausgesetzt zu werden – mittlerweile haben wir diesen im Griff und schwingen wie die Könige der Welt von Liane zu Liane. Es wurde vieles revolutioniert: Wissen, Shopping, Freizeit … und nicht zu unterschätzen: Dating!

Früher musste man noch beide Arschbacken zusammenkneifen und zu seinem Objekt der Begierde hinübergehen (meist, als hätte man eingeschissen) um mit zitternder Stimme zu fragen, ob dieser mit einem ein Eis essen gehen möchte. Jetzt? Öffnen wir Facebook, klicken uns durch die Profilbilder, schreiben eine Nachricht und ertragen Abfuhr und Zusage ähnlich monoton wie auch das siebenundvierzigste Katzenvideo, über das wir auf ebenselbem Kanal verfügen.  Herzklopfen? Angst? Um das Millionenfache verringert. Und dann trifft man sich, zum Eisessen oder Tretboot fahren oder was auch immer man heutzutage macht, ich weiß es nicht, denn ich bin komplett raus aus diesem Rendez-vous-Bullshit – und die Wege trennen sich. Woraufhin die Damen der Schöpfung nachweislich in den folgenden Minuten, Stunden, Tagen, die zwischen dem Treffen und einem Feedback liegen alle zwei Minuten whatsapp öffnen und überprüfen, wann Ernesto Caliente das letzte Mal online war. „Dieses Arschloch! Er ist online und schreibt mir nicht! Er muss mich kacke finden! Ich hasse ihn!“ assoziiert Bettina Wurst innerhalb von Sekunden. Dass Ernesto Caliente nur deswegen online ist, um seinen Lärri-Freunden eins von Bettinas reiner Haut vorzuschwärmen, während sie in der Gruppe „Chicks“ auf ihn einreden, er solle sich ja nicht zu früh melden, sich rar machen – „willst du gelten mach dich selten, Brudi!“ … das konnte ja keiner ahnen.

Im Iran müssen andere Möglichkeiten gefunden werden. Und so gibt es eine „geheime“ Hauptverkehrsstraße, in der Autos in Schritttempo aneinander vorbeifahren. Autos, rein mit Frauen oder rein mit Männern besetzt. Finden sich zwei gut, wird schnell per Zettel die Nummer durch die Scheibe gereicht. Und dann schnell weg. Soll ja keiner sehen.

Ich gebe zu, ich neige zu Übertreibungen, aber ich garantiere euch: 50% der heutigen geschlossenen Beziehungen wären nichtig, nicht existent, gäbe es weder Telefon, Internet, ICQ, MSN und wie sie nicht alle heißen.

Ich garantiere euch auch, die restlichen 50% hätten vermutlich mehr Substanz. Wir sind in unserer digital aufpolierten Schönheit wiederum so hässlich, dass wir im echten Leben nicht mehr genau hinsehen. Wir überprüfen einander stichprobenartig und verfolgen jeweils Spuren auf unserem Handy immer und immer wieder. Sehnsucht? Wonach? Wir wissen immer was der andere macht, wo er sich aufhält, welches Lied er gerade hört, wann er das letzte Mal online war und vermeiden Begegnungen, in denen man einander in die Seele blickt. Die Möglichkeit sich all dieses Wissen innerhalb weniger Sekunden anzueignen und zu verlernen, wie es ist, einen höheren Stellenwert zu haben als die Datums- und Uhrzeitanzeige auf unserem Mobiltelefon. Wir sind Waren auf dem Handelsplatz des Beziehungsmarktes, unser Kurs bleibt unverändert, denn unsere Herzen sind genauso austauschbar wie unsere Login-Daten.

Wir updaten unser Whatsapp Profilbild, unseren Status, in kryptische Hinweise an eine einzige Person – und lesen, lesen können es alle. Wir sind ein offenes Buch. Wir sind vernetzt, mit allem, mit jedem, jederzeit erreichbar und doch verdammt allein. Der gläserne Mensch ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass jeder durch uns durchsieht – und nicht hinein.

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3 Gedanken zu “DURCHSICHTIGER MENSCH

  1. grandioser text. spricht mir aus der seele. ich bin auch raus aus diesem rendez-vous-bullshit.^^

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