STUMM

Meine Eltern waren stets berufstätig. So kam es, dass ich in meiner frühen Kindheit zwei „Babysitter“ hatte, die sich jeden Nachmittag um mich kümmerten. Herr und Frau Peter. Sie waren steinalt, zumindest kam mir das so vor, und rissen mich täglich aus meinem Mittagsschlaf um mich aufs Sofa zu setzen. Sie setzten mich aufs Sofa und Herr Peter war in schierer Aufregung, als er die Fernbedienung betätigte – es lief Pumuckl. Seine Frau strickte, ich saß vor dem Bildschirm und Herr Peter fieberte die komplette Pumuckl-Sendung mit. Er liebte es mehr als jedes Kind auf dieser Welt. Herr Peter ist jetzt tot.

Mein Vater hingegen war ein Disney-Fan. Wir hatten Aschenputtel, König der Löwen, Peter Pan – grundsätzlich all die Klassiker auf VHS, aber die wohl am meisten abgenutzte Videokassette war „Arielle“. Nahezu jeden Samstag sah ich mir diesen Film mit meinem Vater an. Es war ein Herr Peter-ähnliches Phänomen. Er war begeistert von der Geschichte, der Meerhexe Ursula, Sebastian der Krabbe und es gab Zeiten, da konnte ich den Film auswendig mitsprechen. Vor einigen Tagen sah ich mir „Arielle“ ein weiteres Mal an. Alleine auf dem Sofa. Jahre, vielleicht sogar ein Jahrzehnt, lagen zwischen dem letzten Mal und ich war aufgeregt. Aber leider bringt die Zeit mit sich, dass Dinge nicht mehr unbehaftet schön, neu und „für sich stehend“ bleiben, sondern die Psyche immer schneller und gnadenloser verknüpft und man es auf einmal mit Bauchkrämpfen und Tränen in den Augen quittiert. Danke dafür, based Langzeitgedächtnis.

Für alle Disney-Fremde: Arielle lässt sich für drei Tage zum Menschen verwandeln, unter Einsatz ihrer Stimme (sie ist danach schlicht und ergreifend stumm) um Menschen-Mann Eric klarzukriegen. Wenn sie es schafft, dass er sie innerhalb dieser drei Tage küsst (und wir reden hier nicht von nem Gute-Nacht-Bussi, meine Freunde, sondern dem Kuss der Liebe!) ist alles oberprima und sie bekommt ihre Stimme zurück. Wenn nicht gehört sie der grusligen Meerhexe Ursula, die eine Mischung aus Tine Wittler und Cruella De Vil ist. Kurz: es geht um Leben und Tod und alles was sie braucht ist ein Kuss, verdammtnochmal!

Und da haben wir doch die längst überfällige Überleitung: bei uns Menschenkindern geht es zwar nicht um Leben und Tod und insbesondere nicht um unsere Stimme, die haben wir ja, aber im Falle des „wer macht den ersten Schritt“ und „was halten wir voneinander“ benehmen wir uns eben doch wie Arielle. Stumm. Wir halten die Fresse und zwar professionell. Ich weiß nicht woher es kommt, ich weiß nicht ob wir es in unseren Genen haben, in unseren Herzen oder in unserem Hirn, aber anstelle kurzen Prozess zu machen und Worte zu nutzen, tanzen wir den Eiertanz mit den Eierlosen. Wir haben im Laufe von Jahrzehnten Codes entwickelt, die noch offensichtlicher sind, als Worte. Das ewige in-den-Haaren-spielen. Das berühmte „kommst du noch auf einen Kaffee mit rauf“ gefolgt von „ich würd ja gerne aber ich muss morgen früh raus“-Geschiss ist nichts anderes als fucking Zeichensprache für – ja, für was nochmal? Wir benehmen uns als wäre Ehrlichkeit, Lob und Aufrichtigkeit mehr Wert als Diamanten und geizen damit, dass es kaum auszuhalten ist. Wir spielen uns vor, wie egal man einander ist, nur um sich danach den Kopf zu zerbrechen, das Herz zu zerbrechen, wenn das Schauspiel Realität wird und man vor allem eines wird: irrelevant.

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Arielle, die verloren geglaubte Seele, braucht ja nicht irgendeinen Kuss. Der muss schon richtig was kosten, mit Feuerwerk und Paukenschlag, er hat ja auch Symbolwert, den unsereins kaum ermessen kann. Dass sie am dritten Tag von ihrer eigenen Stimme ausgestochen wird ist nur Beiwerk in der Dramaturgie Disney’s – und Monsieur Eric? Vielleicht der tragischste Charakter des Ganzen, maßlos überfordert mit den Erwartungen des Elternhauses, der Gesellschaft, der Stummen und insbesondere sich selbst. Dass am Ende ausgerechnet sein Hund dazu beiträgt, dem Ganzen ein positives Ende zu setzen war mir als Kind nie als komödiantisches Element aufgefallen. Jetzt umso mehr.

Ich erinnere mich an all die aberwitzigen StudiVZ-Gruppen, die unter anderem „Disney hat mir unrealistische Vorstellungen von Liebe vermittelt!“ hießen. Ich lache laut und hysterisch auf – die beste Schablone für Disney, oder in diesem Fall Andersen, sind wir alle. Es ist nur ein Schlag in die Fresse das hochwertig produziert vorgeführt zu bekommen. Denn Zurückweisung, egal ob morgen Abend nach zwei Cocktails, oder dort, im Fernsehen, ist für uns alle zumindest ein klitzekleiner Tod.

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