KONTRASTE MACHEN LEUTE

Da mein Leben so entspannend ist wie 24h-Fußnägel-Ausreißen und Körperteile-mit-rostigen-Buttermessern-Abtrennen entschloss ich mich vergangenes Wochenende aktiv zu relaxen, also fuhr ich in eine Therme. Nachdem ungefähr siebenhundertzwölf Kinder im öffentlichen Bereich Wasserball oder Schreien spielten, verzogen meine Freundin und ich uns kurzerhand in die Sauna-Area aka den FKK Bereich und das war sehr dumm von mir.

Ich habe kein Problem mit Saunen. Ich liebe sie allerdings auch nicht so sehr, dass ich mir jeden Morgen nach dem Aufstehen wünsche, mal eben in die 80 °C-Sauna zu hüpfen, es kann ganz erholsam sein diesdas – ABER wer Saunen vorwiegend aus dem Fitnessstudio seines Vertrauens kennt, der mag an einem Samstagmittag um vierzehn Uhr in einer familienfreundlichen Therme zumindest ein Sekündelchen lang erschrecken. Meine anfänglichen „Alter, ich muss mehr Sport machen. Ich wette ich hab fünf Kilo zu viel. Oder siebenundneunzig. Mein Bindegewebe verabschiedet sich in den Urlaub für immer“-Quengeleien im Schwimmbadbereich blieben mir im Hals stecken. Entschuldigung aber: verdammte Scheiße, sind Menschen hässlich!

Dank meiner passionierten Mitgliedschaft in sozialen Netzwerken habe ich immer öfter das Vergnügen, Texte von beispielsweise Masseuren zu lesen, die uns in tausenden von Wörtern weißmachen wollen: „ihr seid alle sehr wunderschön. Schämt euch nicht. Ihr seid wirklich schön! Juhu!“ – möglich … es geht aber auch in die andere Richtung. Ich will gar nicht darauf rumhacken, wie das, was ich dort in diesem Saunabereich sah, tatsächlich en detail aussah und was sie nicht hätten alles besser machen können. Es ist auch nicht schlimm. Dort waren genug Menschen, die sie wirklich aufrichtig schön fanden, denn nahezu jeder hatte einen Lebensabschnittspartner am Start, außer ich, es sei denn wir wurden für Lesbenrobin 1+2 gehalten – who knows – aber ich kam ins Grübeln hinsichtlich zweierlei Dinge.

1. „Kontraste machen Leute“

Ich fühle mich nackt sagen wir mal eher etwas .. unbehaglich, insbesondere wenn ich von vielen Menschen umgeben bin. Ich halte meistens sehr lange die Luft an und danke Gott für meine langen Haare die zumindest im Zweifel große Teile meines Rückens bedecken. Ich hatte eingangs schon erwähnt, dass es genügend Dinge gibt, die man optimieren könnte. Wie schlimm diese sind respektive wie sehr das notwendig ist, steht auf einem anderen Blatt, natürlich, allerdings schmälert es nicht die Tatsache, dass dieses „sich-komplett-wohlfühlen“ dadurch noch weniger gegeben ist. In der Umgebung von haarigen Fleischmassen, die um mich herum…schwangen, war ich allerdings innerhalb von wenigen Minuten der festen Überzeugung eine scheiß Göttin zu sein. Und so ist es eben im Leben: Kontraste machen Leute. Neben jemandem, der Auto, Eigentumswohnung und Top-Job hat, bin ich der größte Loser. Neben jemandem, der mit 30 noch bei seinen Eltern lebt und die siebte Ausbildung zum Bürokommunikationskaufmann abgebrochen hat, bin ich wiederum die scheiß Königin der Welt. Ich stelle es natürlich überspitzt dar und versteht mich bitte nicht falsch, hier geht es weder um materielle Werte noch Prestige und all den Kram, den unser gesunder Menschenverstand getrost verteufelt – am Ende des Tages gucken wir eben DOCH wie die neue Freundin vom Ex aussieht und vergleichen. Und ich drohe mich zu wiederholen: Kontraste machen Leute.

2. „If I get a little prettier can I be your baby? – You tell me life isn’t that hard.“

Was noch dümmer war, als in die Sauna zu gehen, war einmal mit einem Mann zu schlafen, der es danach nicht mehr für notwendig hielt mich wiederzusehen. In meiner Schuld-Falle gefangen (es liegt an mir. Oh mein Gott. Alles war furchtbar. Wie peinlich. Ich möchte nicht mehr leben. Ok eigentlich schon, aber das war ziemlich dämlich.) schoss ich dieses fabelhafte Lana del Rey Zitat ins Netz und dreimal drüft ihr raten von wem es besternt und beklatscht wurde … ja. Grande surprise! Und auf dem nie enden wollenden Single-Markt ist unser Äußeres nunmal unsere Neon-Beleuchtung des Emotions-Ladengeschäfts, in das wir die Interessenten locken wollen. Da führt erstmal kein Weg dran vorbei. Mauerblümchen-Margit wird sicher weniger stark frequentiert als Model-Magda – und das Traurige ist, dass sehr wenige das Vergnügen haben werden, festzustellen, welch supi Charakter Mauerblümchen-Margit eigentlich hat. Es ist kein Zufall, dass es Single-Markt heißt, Leute. Wir machen Vertrieb. Mit uns selbst. Und unser Aussehen ist Teil unserer Ware, die wir an den Mann / an die Frau bringen wollen. Schließlich muss man unsereins auch anfassen wollen, zeigen wollen, voller stolz sagen „das ist MEIN/E FREUND/IN“ – alles niederer Wettbewerb, so simpel.

Bild

Aber das sind alles Lügen. Denn machen wir alle einmal die Augen auf, sehen wir um uns herum tausende Menschen, mit tausenden Makeln, die tausend Tonnen Liebe bekommen, von jemandem, der Schönheit in ihnen sieht. Es ist kitschig, ich weiß, aber auch die 150 Tonnen Pommeranze hat die realistische Chance auf einen passablen Ehemann. Und es gibt genügend Fallbeispiele, die mich vielleicht sogar schmerzen, die das belegen. Vielleicht ist es sogar umgekehrt. Vielleicht sind diejenigen, die auf dem Papier, im Spiegel, auf der Waage aussehen, wie das Idealmaß des perfekten Partners, am Ende doch die Einsamsten.

Advertisements

Ein Gedanke zu “KONTRASTE MACHEN LEUTE

  1. Pingback: Wochenendklicks: Istanbul, Girl Crushs, ein Haus im Nichts und ein trauriges Happy | Flecken, helle.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s