HERZELEID

Alles hat mich müde gemacht. Die Millionen Stunden, die meine Gedanken um alles kreisten, was mein Leben berührt. Männer, Arbeit, Familie, Finanzen, irrationale Ängste, rationale Ängste, Ängste vor den Ängsten, Liebe, Männer, Arbeit, Familie, Finanzen, Ängste, Angst, schreckliche Angst. Fühlen ist nur in den seltensten Fällen eine angenehme Angelegenheit, diese Erkenntnis ist bitter, aber sie kam früh, und ich trage sie in meinem Rucksack wie viele andere Dinge, die zu gewichtig sind, um sie bei einem Glas Wein auszusprechen. Mein Herz ist schwer, seit Jahren, und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich mich dem schweren, schnellen Klopfen beugen musste. Also ging ich zum Arzt, einer, der seine Praxis auf der Prachtstraße Frankfurts hat. Warum er mich olle Kassenpatientin noch in der Kartei hat ist mir ein Rätsel, aber ich vertraue ihm, und schilderte ihm, wie ich mich fühlte.

„Myokarditis“ sagte er. Er ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen und es floss in mein Ohr und rann meine Gefäße hinab. Lustig – vor Herzmuskelentzündungen hatte ich schon immer große Angst. Und da war sie, mein persönlicher Albtraum, eine Vermutung in dem Raum, den ich mit dem Prachtstraßen-Doktor teilte. Ich reagierte gelassen, zu gelassen, und sagte: „das ist nicht gut …“ – er nickte und verbot mir alles, was mich aufregen, belasten oder anstrengen könnte. Ich lachte in mich hinein, er müsste mir Leben verbieten, um zu gewährleisten, dass mein Herz nicht kollabierte. Ich schleppte mich vier Stockwerke zurück in meine Wohnung und musste 24 Stunden auf den Termin beim Kardiologen warten, der sich ebenfalls in einer Prunkstraße niederließ,  folglich hatte ich Zeit für allerhand Gedanken. Während ich mir selbst ausgeliefert mit mir allein auf dem Rücken lag, ließ ich all die Male, die mir mein Herz gebrochen wurde, Revue passieren und sah diese ärztliche Vermutung als logische Schlussfolgerung von 24 Jahren Existenz in diesem Moloch von Welt. Dann wurde ich panisch, denn ich bin ja alleine, und dachte „was passiert wenn jetzt irgendwas schief läuft und ich das Bewusstsein verliere?“ – niemand würde es mitbekommen. Wie auch? Ich bin alleine. Bin alleine. Alleine. Durch meine Panik schlug mein Herz hundertzwanzig Mal die Minute, daraufhin hatte ich Angst vor der Myokarditis, das Ganze wurde ein Strudel aus Hysterie und mir wurde schwindlig. Dann wurde mir klar, wie poetisch die Situation war, in der ich mich befand.

Ich bin davon überzeugt, man kann an gebrochenem Herzen sterben. Ich bin davon überzeugt, alles, was unsere Seele belastet, belastet unsere Organe mehr als jeder Virus, jede Bakterie. Ich bin davon überzeugt, dass Angst schlimmer ist als Krebs, aggressiver ist als Krebs, uns mehr von innen heraus auffrisst als Krebs. Wenn man von Menschen die man liebt nicht annähernd so sehr zurückgeliebt wird und all seine Liebe im Universum verpufft, dann schlägt die Druckwelle aufs Herz. Wenn man darüberhinaus dummerweise verlernt hat aus vollem Herzen zu weinen, dann läuft das Herz über.

Mein Herz und ich, wir lagen also so da, geschunden von all den Männern, Freunden, der Familie, die darübergerutscht waren, mit ihrem kolossalen Gewicht, und trauerten um einander. Wegen Herzschmerz wird unsereins nicht krankgeschrieben. Wegen Herzschmerz kriegen wir nicht die besseren Plätze in Bus und Bahn, das komfortablere Hotelbett oder drei Pillen morgens, mittags, abends, die uns die Symptome nehmen. Der Schmerz ist da und begleitet uns tagein tagaus und wir legen uns mit ihm ins Bett und sehen tatenlos dabei zu, wie er uns nachts die Decke und tagsüber den Boden unter den Füßen wegzieht. Bis wir nicht mehr können und daran zerbrechen. Und eines Tages das echte, organische Herz, daran implodiert. Soweit waren mein Herz und ich also gekommen. Welch bitterböse Ironie.

Als ich keine Kraft mehr hatte panisch zu sein schlief ich ein und auch in dieser Nacht zog mir der Herzschmerz die Decke weg, als hätte sie ihm schon immer gehört.

Wenige Stunden später lag ich mit nacktem Oberkörper, verwundbar und frierend, beim Kardiologen und sah dabei zu wie er mein Herz mit dem Ultraschall ausmaß, berechnete, begutachtete, zerkaute, ausspuckte, mich drehte und wendete und die Brille näher an seine Augen rückte. Minutenlang lag ich da und wiederholte in mich hinein „bitte lass alles gut sein. Bitte lass alles gut sein. Bitte lass alles gut sein.“ – er wechselte die Perspektive und die sich öffnende und schließende Klappe sah aus wie eine zuckende Rosette. „Tief in unseren Herzen sind wir alle Arschlöcher“, dachte ich, dann wischte ich mir den Ultraschall-Glibber von den Brüsten und wartete auf das große Finale. Mit Wackelpudding-Beinen (ich) und ernstem Blick (er) saßen wir uns gegenüber und holten tief Luft. Dann erklärte er mir, dass mein Herz nicht entzündet sei. „Sie sind überlastet. Gönnen Sie sich mehr Ruhe.“ mit einem eiskalten Händedruck entließ er mich zurück – in mein unruhiges Leben.

Und so liege ich hier, mit meinem Herzen, das manchmal zu schnell klopft und manchmal zu langsam, nur selten genau richtig, und starre in die Leere. Wie oft kann man es noch brechen, frage ich mich, bis es zu Recht kapituliert. Wie oft kann ich noch sprinten, im sicheren Glauben mein Ziel zu erreichen, bis ich es vor mir verschwimmen sehe und die Lungen pfeifen und brennen? Wie viele Male halte ich noch durch und wie viele Male halte ich noch aus und wie oft muss ich das Procedere noch erleben, bevor ich ein- und ausatmen kann, ohne Angst vor dem nächsten Herzschlag zu haben. Wie viele Male halte ich noch aus, bis mir nicht mehr der Schmerz die Decke wegzieht, und den Boden unter den Füßen, sondern das Glück – jemand der all die Risse in meinem Herzen und die Extrasystolen auf meinem EKG sieht und nicht weiter fragt, weil er versteht. Die Ärzte in den Prunkstraßen Frankfurts können es mir nicht beantworten. Ich habe sie gefragt. Sie haben nur gelächelt – in Gedanken an ihre eigenen gebrochenen Herzen.

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7 Gedanken zu “HERZELEID

  1. Endlich weiß ich wie man „Procedere“ schreibt! Procedere! Procedere! Procedere! Procedere patris et spiritus sancti!

  2. Ist zwar ne andere Situation, aber ich find mich in allem was du geschrieben hast wieder. Ich glaub, das aus vollem Herzen weinen hab ich mir mit 12 auf der Beerdigung meines Vaters abgewöhnt. Das mit dem „Was ist, wenn ich jetzt verrecke? Das kriegt doch keiner mit“ hatte ich vor 2 Jahren, als ich ne Thrombose im rechten Arm hatte und keiner was finden konnte. Ich wohn auch alleine. Blutklumpen wandert, Halsschlagader, bumm – aus. Hätte so schnell gehen können. Herzschmerz verbiete ich mir seit der letzten Madame. Keine Frau – kein Stress. Die Selfie Queens auf tumblr sind zur Zeit das höchste der Gefühle. Schönes Leben auch.
    Ach ja, hast du deinem Chef schon gesagt, dass du einen Gang zurück schaltest? Die sind da super verständnisvoll. Vor allem bei jungen Leuten.

    Alles Gute.

    • Ich wünsche auch dir von Herzen (!) alles Gute.
      Danke fürs Lesen und Teilen – fühlt sich immer gut an nicht ganz allein zu sein … mit seinen (Angst)Gedanken!

  3. Was für ein grandioser Text über so ein grandios beschissenes Gefühl. Im Herzen bei dir.

  4. Grandioser Text. Das faszinierende ist immer wieder, wie man das Leben so beschissen finden kann und dann, wenn man das Gefühl hat, dass es dem Ende entgegen gehen könnte, man einfach nur gesund sein will und weiter leben. Gute Besserung.

  5. Pingback: Link | einfach nur sein

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