HELDIN

Wenn man im Bewerbungsgespräch gefragt wird, was seine schlechten Eigenschaften oder Schwächen sind, antworten die meisten mit „ich bin zu ungeduldig und möchte meine Aufgaben so schnell wie möglich erledigen“ (Lüge) oder sind unglaublich kreativ und witzig und sagen Dinge wie „Schokolade“ (haha. Was haben wir gelacht!) – wenn ich wahrheitsgemäß auf diese Frage antworten müsste, dann würde die Antwort lauten „ich halte Dinge zu lange aus.“ und im Gegensatz zu Ungeduld oder Schokolade ist das eine Schwäche, die man nur schwer positiv auslegen kann. Außer man ist die Gegenseite und hat einen langen Atem. Dann ist es das Beste, was einem passieren kann.

Ich liebe Bücher, Romane, Dramen, Literatur im Allgemeinen und habe während meiner gefühlt siebenhundertjährigen Phase meiner nie enden wollenden Krankschreibung die Zeit gefunden, meine Bücherregale mal wieder genauer unter die Lupe zu nehmen. Da fiel mir beispielswiese wieder „Effi Briest“ in die Hände, ein Plot, der unangenehm nah an meiner eigenen Vita kratzt, nur, dass ich nie Angst vor einem ominösen Chinesen hatte, sondern vor allerhand anderem Irrationalen. Andere große, von Schmerz und Leid geplagte Liebesgeschichten, glitten durch meine Hände und jedes große Werk, das leider oft genug im Tod endete, hätte so nicht existiert, hätten der Held oder die Heldin nach den ersten Schwierigkeiten gesagt „ach, alles zu anstrengend, führt doch zu nix – ich geb’s auf.“

Ich glaube an die Liebe. Ich glaube an Intuition und ich glaube an Platons Idee der Kugelwesen. Ich glaube nicht, dass es nur einen einzigen Menschen gibt, der für uns bestimmt ist, aber ich glaube es gibt nur einen einzigen Menschen, der für uns besonders bestimmt ist. Und ich finde es schwach und verkehrt und inkonsequent, diesen Menschen vorbeiziehen zu lassen, nur weil es schwierig und anstrengend ist. Ich weiß nicht ob es ein Generationenproblem ist, das ich hier gerade flüchtig berühre, oder unsereins seit Lebzeiten begleitet, aber: wir geben alle zu schnell auf. Wir sind unterm Strich superschlecht im Aushalten. Und dieses Ganze „man muss sich nicht alles gefallen lassen“-Ding mag sein, aber ist falscher Stolz… allerdings nur dann, wenn es um die Liebe geht. Denn Selbstachtung ist wichtig, natürlich, aber wie kann man jemanden wirklich aufrichtig und von ganzem Herzen lieben, wenn man sich selbst mehr achtet als den anderen? Selbstachtung kann man im Job auspacken, beim Sport, beim Benutzen der öffentlichen Verkehrsmittel und so fort und so fort – aber nackt, verwundbar und aufrichtig vor einem Menschen zu stehen, der in einem Gefühle auslöst, die selbst der versierteste Dichter nur entfernt beschreiben kann und zu erwarten, seinen Stolz zu bewahren – das ist ne dicke fette Minusrechnung oder mit anderen Worten: übelst bonsoir.

Wenn ich jemanden liebe, und das ist keine Entscheidung die ich fälle, kein vermeidbarer Vorgang, wenn ich jemanden liebe, so sehr liebe, dass ich es wage zu denken, es ist DIE Liebe, dann reise ich zwangsläufig mit leichtem Gepäck. Dann reicht ein Wort, ein Blick, eine Berührung, die Welt aus den Angeln zu heben, in der man so fest im Sattel zu sitzen pflegte. Und wenn ich jemanden liebe, und das ist weiterhin keine Entscheidung die ich fälle, und dieser jemand mir wehtut, so, dass ich mich darunter aufbäume und schreie, und weine und zittere, dann liebe ich ihn deswegen nicht weniger. Dann stehe ich nicht auf, klopfe mir den Staub von den Knien und rücke meine Rüstung zurecht, um dann umzukehren und davonzustolzieren, mit meiner Selbstachtung unterm Arm. Wenn ich jemanden liebe dann ist es zwangsläufig Fakt, dass mir wehgetan wird. Immer und immer wieder. Es ist nicht zwangsläufig Fakt, dass dieser jemand es absichtlich tut, aus sadistischen Gründen, aus Machtgedanken, aus Lust und Freude daran – es ist auch nicht zwangsläufig Fakt, dass er es unabsichtlich tut, aber es passiert, WEIL ich jemanden liebe.

Wir finden Geschichten wie Romeo und Julia nur deswegen so faszinierend, so schaurig schön, weil die Helden die Konsequenz in Person sind, alles tun, um ihre Liebe zu leben. Weil die Helden eben nicht unter dem Druck ihrer Selbst, der Gesellschaft, des Anderen, den Umständen, des Zeitpunkts und der Außenstehenden einknicken und lieber ihren Arsch retten, als alles zu riskieren, weil. Sie. Lieben. Es gibt keinen falschen Zeitpunkt. Es gibt auch keinen richtigen. Es gibt das zu kurze Aushalten. Das zu frühe Aufgeben. Das zu leichtfertige Einknicken. Das gibt es, aber diese Geschichten finden nicht seit aberhundert Jahren in den Büchern statt, die uns so sehr berühren, sondern in schlecht produzierten Telenovelas, die uns Abend für Abend vorgaukeln, wir seien es nicht Wert, für etwas zu kämpfen, das für uns bestimmt ist. Weil es das nicht gäbe. Und so sehe ich mich um und erwische immer öfter inflationäre Scheiß-Romanzen, die nur davon leben, dass die eine Person fordert und die andere liefert – bis dass der Nächstbeste sie scheidet. Das ist keine Liebe. Das ist emotionaler Müll.

Ich weigere mich dagegen. Das ist nicht mein Modell vom Leben. Mit jemandem zusammensein, der mich seltener verletzt, den ich dafür aber weniger liebe, ist Faulheit. Ist Bequemlichkeit. In der Geschichte meines Lebens bin ich die Heldin und ich weigere mich Geschichte zu schreiben, die von falschem Stolz und Faulheit gelenkt wird. Und sollte die Geschichte darin enden, dass es kein gutes Ende gibt, dass all die Müh, all das Aushalten, all die Anstrengung zu nicht mehr führte als Stagnation und Trauer, dann bitteschön. So sei es. Aber ich werde nie auf mein Leben zurückblicken und mich fragen: was hätte sein können? Denn ich habe es versucht und nie aufgegeben. Ich weigere mich aufzuhören zu lieben, nur weil es beschwerlich wird. Ich weigere mich, mich retten zu lassen. Ich bin die Heldin meiner Geschichte. Einer Geschichte, die viele müde geworden sind zu schreiben, die aber für immer sein wird. Denn Hingabe ist nicht Aufgabe. Und Aushalten ist nicht Ertragen. Und Liebe ist nicht immer leicht. Eigentlich ist sie immer schwer. Eine Last. Die uns davor bewahrt den Boden unter den Füßen zu verlieren. Nichts, wovor man sich retten lassen muss. Wenn man sie denn gefunden hat …

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8 Gedanken zu “HELDIN

  1. Liebste Erekta! Ich glaube an die Liebe. Ich bin kein Zyniker, dem nichts etwas wert ist. Ich denke nur: wenn man sich selbst nicht achtet, wenn man sich selbst nichts wert ist, wie kann einem jemand anderer etwas wert bzw. man selbst für jemand anderen etwas wert sein? Ich finde die Grenze, die du da beschreibst zwischen Hingabe und Selbstaufgabe, ist fließend, wenn sie denn überhaupt genau zu verorten ist. Andersherum finde ich sehr wohl, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen Stolz und Selbstachtung gibt. Ersteres ist ein kühle Konstruktion. Das was man im Job bspw. braucht. Die zerfällt sowieso in kleinste Einzelteile beim (An)Blick desjenigen. Zweiteres bedeutet, dass man zu sich sagt (und auch wirklich meint): Ich hab dich lieb. Is schon ok so.
    Wenn man sich das ganze nämlich mal genau ansieht: diese ganze verklärte Vorstellung vom Aufgehen im anderen ist kompletter Mist. Wie soll man denn ohne ein ‚gegenüber‘, ohne ein ‚anderes‘ einen Bezug herstellen, sich in Beziehung setzen und irgendwie mit all dem klarkommen können? Es geht nur zusammen, als zweimal man selbst, Hand in Hand, von mir aus in den Sonnenuntergang. Irgendwie sollte man doch immer, bei allem was man tut und was etwas wert ist, egal was es ist, ein wenig bei sich selbst sein. Nur ein wenig…

  2. Das gab mir grade sehr zu denken. Du hast mich dran erinnert wie ich mal war, vielleicht sollte ich versuchen wieder einen Weg dorthin zu finden. Danke!

  3. Allerliebste Erekta,

    dass ich deinen Artikel finden durfte grenzt an ein kosmisches Wunder, aber ich wunder mich seit einigen Wochen über gar nichts mehr. Unheimlich sensibilisiert und aufmerksam durchstreife ich meine Stadt Berlin, ein Pool an Menschen unserer Generation (Pre-Wende Baby), die, wie du schreibst, eben diese Angst vor Nähe, Bindung, Hingabe usw. haben. Die das Model „bis das der Tot und scheidet“ müde belächeln und durch das Leben tingeln als wären sie eine Biene, die jede Blüte bestäuben muss. Doch was bleibt am Ende? Eine Blume verwelkt, der Honig wird gegessen und selbst die Bienenkönigin stirbt einmal und mit ihr ihr Stamm, sollte keine neue Königin gefunden werden.

    Diese emotionale Verkrüppelung ist mir so bewusst wie nie zuvor und ich bin froh nicht Teil dieser Bewegung zu sein. Mich davon auszunehmen ist das Beste was ich machen kann. Denn ist es wirklich Selbstschutz, Menschen nur bis zu einem bestimmten Punkt an sich heranzulassen, nur um sie dann wieder von sich zu stoßen? Wie ein Paar Socken, dass man ein paar mal trägt und dann wegwirft weil entweder ein Loch drin ist oder die Farbe ausgeblichen ist? Aber nur weil es ein Loch hat, ist es nicht kaputt. Einfach den guten Stopfpilz zur Hand und zu gemacht. Doch wer außer Oma hatte den dafür noch Zeit und Muße und WUSSTE wie das zu bewerkstelligen ist? Dabei ist es doch so einfach. Oma könnte sogar zeigen wie es geht.

    Aber da liegt des Pudels Kern: wir wenden uns ab. Von Dingen mit Bestand und Wert. Substanz macht uns Angst… Inhalt den wir nicht verstehen können und zwischen den Zeilen Botschaften schreiben, statt direkt zu sagen was man sich wünscht… das hat man als Kind doch auch gemacht. Mama ich will ein Pony! Ob man es bekommt oder nicht hängt doch nur davon ab, ob man die nächsten 6 Monate immer noch danach fragt und dann selber drauf spart, weil Mama nichts unterstützt wo keine Leidenschaft dahinter steckt.

    Und da ist der zweite Grund für die Orientierungslosigkeit mancher Menschen… sie erkennen ihre Leidenschaft nicht oder lassen sie nicht zu. Das betrifft nicht nur die Liebe, sondern alle Lebensbereiche. Aber hier geht es ja vordergründig um Liebe, also sollten wir bei diesem Beispiel bleiben.

    Leidenschaft. Eine Antriebskraft ohne Gleichen, eine Emotion, so viel schöner als bewusstseinserweiternde Substanzen, so lebensnotwendig wie Wasser und Brot. Wer Leidenschaft zulässt hat es doch eigentlich raus. Ja sie führt zu Verletzungen, aber das gehört zum Lernprozess und macht uns lebendig.

    Ich befinde mich in einer Situation, wie du sie in deinem wunderbaren Text beschrieben hast. Ich jedoch habe mich entschlossen auszuhalten. Denn ich spüre den Magnetismus. Die Anziehung zwischen mir und den Menschen in meinem Leben. Manchen kann ich direkt geben, was ich bereit bin zu geben, andere nehmen gleich alles, andere Schluck für Schluck und andere haben noch Angst es anzunehmen. Aber das ist für mich kein Grund es nicht mehr anzubieten. Wieso etwas vorenthalten, was geteilt doch viel schöner ist?

    Ich glaube ich habe meine Lektion gelernt dieses Wochenende und ich bin vielleicht eine der wenigen meiner Generation, die bereits jetzt wissen wohin es geht und wer dabei sein wird. Generation Y, dass ich nicht lache. Ja, man sollte sein Leben so gestalten, wie man es für richtig hält und sich nichts verbieten. Man sollte aber auch ehrlich sein, aus seiner Blase aussteigen und das Leben mal so nehmen wie es kommt und nicht befürchten müssen sich mit etwas zu infizieren… wie Liebe… wie Ambition … wie tiefe Freundschaft… generell EMOTIONEN.

    Ich freue mich auf meine Zukunft und die Dinge, die ich plane. Einige werden klappen und andere nicht.
    Da sollte man seiner Intuition, die glücklicherweise im Bauch sitzt- weit genug weg von seinem rationalen Bruder, dem Hirn- nachgeben und zulassen.

    Und umso schöner, dass ich mir gewiss sein kann, den einen gefunden zu haben. Er war die ganze Zeit vor mir. Auf komische Art kennengelernt, auf noch komischere Art die Freundschaft aufgebaut (hallo Facebook chat) und nun stehen wir vor der Frage: sitzen wir in 60 Jahren Hand in Hand auf der Parkbank oder auf unserer Terrasse im Bergischen Land und hören den Kühen beim Gräserkauen zu?
    Die Zeit wird´s zeigen, die Geduld ist vorhanden. Ich lebe jetzt und ich lebe nur einmal. Und meine Geschichte wird so dick wie Mary M. Kayes Buch „Palast der Winde“, das spüre ich und zu meiner Schande habe ich dieses Buch voller Emotion und Wahrheit noch nicht im Bücherregal (ich muss zu meiner Mutter fahren!)

    In diesem Sinne

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