URKNALL

„Ich sehe nicht scheiße aus, habe eine fabelhafte Wohnung, einen Job, ein Gehirn und es gibt absolut keinen Grund warum ich alleine einschlafen muss.“ habe ich unter der Rubrik „Motto“ bei Friendscout24 eingetragen. Ja, ich bin Online-Dating-rückfällig geworden, denn die Hoffnung ist ein Hundesohn und muss erst mit nuklearen Sprengköpfen beschossen werden, um endlich den Löffel abzugeben. Ich erstelle das sympathischste Profil der Welt auf dessen Basis ich mich mehrfach ehelichen würde. Auf die Frage „würden Sie sich als tierlieb bezeichnen?“ antworte ich „Ich bin kurz davor mir 25 Katzen zu kaufen. Ich würde sagen die Lage ist ernst!“ und stelle somit sicher jedem sich dort herumtreibenden Lappen zu verdeutlichen, wie sehr kurz vor zwölf es ist.

Wenn ich mich verliebe muss es der Urknall sein. Ich muss jemanden von der ersten Sekunde an uneingeschränkt super finden und aus völlig irrationalen chemischen Vorgängen in meinem Hormonhaushalt zeitnah das Bedürfnis haben mir für diese Person sämtliche Gliedmaßen abzutrennen, wenn es sein muss. Ich finde das ist nicht zu viel verlangt. Ich glaube nicht an „Liebe auf den ersten Blick“ – ich glaube NUR an „Liebe auf den ersten Blick“. Alles andere, das wächst, das gedeiht, das entsteht – ist für mich eine Hausfrauenweisheit und hat für mich mehr mit einer Fusion zweier Firmen zutun, als mit Liebe ohne Wenn und Aber. Ob ich so etwas in den Tiefen des Internets finden werde – ich zweifelte früh. Mein Postfach schäumt nach anderthalb Tagen über, orthographisch bedenkliche Kontaktversuche von halben Hemden, deren Profil so einfallsreich ist wie Laas Unlimiteds letztes Album (und die nächsten vierundzwanzig). Ab und zu ein Schmuckstück darunter, zum Beispiel Manni und Steffi, die mir „eine ganz besondere Beziehung zu dritt“ vorschlagen und explizit auf der Suche nach einer einsamen Frau sind. Da sind sie bei mir richtig – ich suche aber nicht die nächste Fettzellen-Kommune, Sex oder „heiße Flirts“ sondern einen Seelenpartner. Nach 200 unbeantworteten Nachrichten stelle ich fest: alles muss man selber machen. Also nutze ich die Suchfunktion und kontaktiere einen Mann mit den Worten „Yo. Ich glaube du bist ganz cool.“

Angebissen. Wir kommen ins Gespräch. Er ist eloquent, sieht nicht aus wie falschrum zusammengebaut und fragt mich sehr bald ob wir uns nicht treffen wollen. Klar wollen wir das. Ein Termin steht und erste Zweifel kommen auf. Ich habe mich noch nie mit jemandem aus einem Dating-Portal getroffen. Die Situation selbst neigt auch zur Albernheit. Alles ist gezwungen, jeder weiß was der andere sucht, kennt die Größen- und Gewichtsangaben und kann die Hobbys nachlesen. Nichts, das man überraschend herausfinden könnte – sofern der sympathische Mann auf dem Bild in Echt kein Schmierlappen ist, natürlich. Und so stiefle ich zu meiner Verabredung in einer Bar, die ich so semi-toll finde, und bin die Erste. Das ist immer schlecht, denn während er noch die Möglichkeit hat Reißaus zu nehmen, sobald er mich sieht, stehe ich wie Lärri vor dem Eingang und bin der Situation ausgeliefert. Hysterisch fische ich nach meinem Telefon und führe kurze Telefonate um mich erstens nicht aussehen zu lassen wie eine Wurst und zweitens die größtmögliche Ablenkung zu schaffen. Gerade als ich auflege kommt er mir entgegen und – huch, der ist ja ganz hübsch!

Seinem breiten Lächeln nach zu urteilen denkt er dasselbe von mir und nachdem er reinverschwindet um mir meinen Riesling zu holen, sitze ich erleichtert vor der Bar und überlege wie unangebracht es jetzt ist, sofort zu rauchen. Schließlich weiß ich, dass er bei „Rauchen?“ „Nie“ angegeben hat, während ich mehr der Typ „regelmäßig“ bin. Ich lasse die Fluppe höflichkeitshalber weg und steige ins Gespräch ein, während meine Körperhaltung sagt, dass mir das Ganze ziemlich unangenehm ist. Wir erzählen von unseren Jobs und sobald ihm klar wird, dass die Maus, mit der er da Riesling respektive Bier trinkt, tatsächlich was im Hirn hat kippt die Situation und ich finde mich in einem klassischen Bewerbergespräch wieder. Ich mache also zirka 60 Minuten kostenlose Karriereberatung mit einem Typen, den ich auf einer Online-Dating-Plattform kennengelernt habe, da es vermutlich das Interessanteste ist, das ich zu bieten habe. Das muss ich schlucken und gehe auf die Toilette um mir danach lange genug im Spiegel in die Augen zu gucken, um festzustellen, dass ich in diesem Moment nicht aussehe wie Scheiße.

Als ich zurückkomme geht es weiter mit der Karriereberatung. Irgendwann breche ich das Thema ab, schwenke auf Hobbys, von denen ich online bereits lesen konnte. „Kannst du nähen?“ möchte er auf einmal unvermittelt wissen. Ich frage mich ob er eine innere Checkliste hat, die er in diesem Moment durchgeht. Mein Wein wird leerer, ich will nach Hause. Ich sitze hier, an dem noch jungen Abend, mit einem Mann den ich nicht kenne, den ich so auch nie kennengelernt hätte, der auf dem Papier und Foto aussieht wie eine 1+, der einen spannenden Job und ein hoch abgeschlossenes Studium hat, eine Wohnung, Manieren, Wortgewandheit – und spüre nichts. Nicht mal der kleine Bruder vom Urknall hat sich an diesem Abend blicken lassen. Alles, was er in mir auslöste, ist Leere und Hass. Auf mich selbst, die nicht in der Lage ist, solch formalen Goldstücke super zu finden, und sich darauf einzulassen. Die nicht in der Lage ist mit einem Mann so bedacht zu fusionieren, wie eine Commerz- und eine Dresdner Bank. Die einfach nur dasitzt und genau das fühlen möchte, was andere Männer in der Lage waren auszulösen, neben Tränen, Wut, Selbstzerstörung und Angst. Ich verliebe mich nicht in idyllische Landschaften. Ich verliebe mich in Kriege. In die Ästhetik des Leids. In die Abgründe der Hingabe. Friendscout24-Mann ist so flach wie Norddeutschland. In ihm kann ich nicht versinken. Also verabschieden wir uns höflich voneinander und gehen unserer Wege.

Ob er schon lange dort angemeldet ist, habe ich ihn recht früh zu Beginn unseres Treffens gesagt. Er nickte und quälte ein Lächeln auf sein Gesicht. „Schon, so’n paar Monate …“, gibt er zu. „Und du?“, fragt er. „Paar Tage.“ antworte ich. Und dann verstehe ich nicht. Wie kann es sein, dass so jemand wie er, der auf keiner Ebene abartig, allerhöchstens ein bisschen langweilig, ist, so lange so erfolglos sein? Dieser hochgewachsene gutaussehende Mann, nach dem sich bestimmt die ein oder andere Frau auf der Straße umdreht, ist genauso einsam wie ich. Was ich da hatte war kein Date sondern ein sehr privates Treffen einer Selbsthilfegruppe, die aufgegeben hat, an Wunder zu glauben, aber deren Hoffnung noch nicht erlosch. Vermutlich waren wir die bemitleidenswertesten Gestalten im Umkreis von 50km, die da zusammen vor einem Teelicht saßen und versuchten, das Beste aus unserer Einsamkeit zu machen. „Du schreibst sehr gut.“ warf er irgendwann im Laufe des Gesprächs ein. Ob ich das auch professionell täte. Ich lache. „Naja, ich hab schon eine Möglichkeit meine Texte zu veröffentlichen. Im Grunde drehen die sich um das Single-Sein, die Liebe, nicht nur, aber ich komme immer wieder darauf zurück. Weil es so monumental ist.“ -„Haha, das klingt als würde ich es lesen wollen.“ entgegenete er mir daraufhin. Dann schwiegen wir in die einsame Nacht hinein und jeder von uns wünschte sich einen, der uns liebt. Einen Urknall.

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Foto: Lora Zombie

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13 Gedanken zu “URKNALL

  1. Es ist immer der gleiche Schlunz. Alles ist so pseudo humoristisch geschrieben, alles so hervorsehbar. Wie kann man so verzweifelt sein? Immer single hier, single da. Das ist fast erbärmlich und man wünscht dir , also der Protagonistin ,endlich jemanden der sie mal in den Arm nimmt oder einfach auch nur einmal so richtig durchnimmt. Männer spüren die schiere Verzweiflung der Frauen, zurecht bleiben sie dann fort. Das hält doch niemand in dem Ausmaß aus. Desweiteren sind das keine schrifterlerischen Hochleistungen, es scheint nicht minder wie der verzweifelte Versuch eines Teenagers nach der hoffnungslosen Suche nach Liebe. Aneinander gereihte Phrasen, mit viel Worten und doch weniger Inhalt.

    Ich wünsche dir ernsthaft und voller Inbrunst, dass bald jemand kommen wird und dich liebt, denn scheinbar ist dies der einzige Zweck deiner Existenz. Schade, wenn mansich den großen Strauß Leben anguckt.

    Wenn man einen Mann zum einzigen Inhalt seines Lebens macht, ist man als Frau meist nur ein kleines Fragment dessen Leben. Nichts ist so unsexy wie die reine Verzweiflung.

      • Schade. ich würde Dich ja mal daten aber bei Friendscout finde ich Dich auch nicht ^^ Apropos FS, wenn ich da mal was drüber bloggen würde, wenn ich einen blog hätte, dann über Frauen mit total realistischen Vorstellungen. Ich bin 35/160/60 und suche Männer von 28 bis 35, 180 bis 200 und athletischer Figur. Joar. Viel Spaß

  2. Liebe Electra prompt, Ich würde dich SO gerne bei twitter stalken, aber aus irgendeinem Grund funzt das nicht.
    Hast du dich dort etwa abgemeldet??

  3. Ich weiß nicht genau was es ist. Aber deine Art zu schreiben gefällt mir unheimlich gut. Vielleicht ist es dieser kolloquiale, leicht obszöne Schreibstil der sich irgendwie dennoch sehr gehoben liest.
    Ich hätte nie gedacht, dass ich mal nen Blog in dieser Richtung mit Interesse verfolgen würde, aber deine Texte sind auch inhaltlich unheimlich ansprechend. Die ganze Kacke klingt jetzt irgendwie sau hölzern, naja egal.
    Ich find den Scheiß geil. Mach weiter so. Haters gonna hate.

  4. Bei Friendscout sieht man als Nichtpremiummitglied nur „Ich sehe nicht scheiße aus, habe eine fabelhafte Wohnung, eine…“ Außerdem bin ich 10 Jahre zu alt und 4 cm zu klein. Du hingegen bist wunderschön. Ich wünsch Dir alles Gute 🙂

  5. Ach so und damit habe ich Dich genug gestalkt. Wollte nur mal wissen wie Du aussiehst.

    • Da ich dieses Jahr eine Lesung habe hättest du dir die Recherche auch sparen können und auf die Bekanntgabe von Ort und Zeit warten können aber danke für das Kompliment 🙂 muss mich da mal abmelden ..

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