SPOLMULA

Ich habe lange nichts von mir hören lassen, das lag insbesondere daran, dass ich allerhand damit zutun hatte mich zu trennen. Zu trennen von schlechten Angewohnheiten (viel Cola trinken, dafür wenig Wasser. Nicht auf die Ernährung zu achten, so wie man es sollte. Zu wenig Bewegung, zu viel Wein.) und von schlechten Menschen, die wie Aasgeier das letzte Genießbare aus mir herauspicken und das bisschen Substanz noch wochenlang wiederkäuen. Das war anstrengend und eine Umstellung, die es in sich hat, aber sie hat sich gelohnt. Es geht mir tatsächlich besser. Und rückblickend betrachtet war das Herausschneiden von Negativem nicht ganz so furchtbar, wie ich es mir davor eingeredet habe. Umso mehr raufe ich mir die Haare, wo ich – um einiges an Ballast ärmer als zuvor, ja, sogar an Körpergewicht – in mein Schmuckkästchen der Dinge, die ich liebe und an denen ich mich festhalte, schaue, und erkennen muss: der große Klumpen Tumor, der goldene Schuss Heroin – den konnte ich bis heute nicht entsorgen.

Sich von einem Menschen zu trennen, der rein rational betrachtet mehr schlecht als gut für einen ist, ist eine Rechnung, die ich ohne all die gefühlsduseligen Faktoren in mir gemacht habe. Oder anders: das Ergebnis kann sich nicht sehen lassen. Wäre ich in einer kriminellen Gang und man würde mir die Tatwaffe anvertrauen und mich bitten, dafür zu sorgen, dass sie verschwindet – man würde sie in meinem Nachtschränkchen finden. Mit einer Schleife drumherum. Und Glitzerstaub. Denn auch wenn ich weiß, ganz sicher weiß, dass sie mich Kopf und Kragen kosten würde – die Geschichte, die ich mit ihr verbinde, die Emotionen, die Menschen, die Erinnerungen … all das würde mich daran hindern, sie einschmelzen zu lassen, in den nächsten Fluss zu werfen oder deiner Mutter als versicherten Maxibrief zu schicken. Ich bin ein kluger, ein rationaler Mensch, aber irgendetwas, nennen wir es „Spolmula“, hält mich davon ab, Dinge, die mich zerstören, zu beenden. Ich bin schlecht im sagen: „es ist vorbei!“ – ich bin gut im sagen: „das kriegen wir hin. Das kriege ich hin.“ Ich bin ein verdammter Junkie.

Spolmula ist ein Arschloch. Spolmula wuchs vermutlich in meiner Teenagerzeit zu dem Monster, dem ich mich heute stellen muss, denn Spolmula verbietet mir Kaltherzigkeit, Rationalität in allen Belangen. Spolmula fickt so hart mein Leben, dass ich darüber nicht hinwegkomme. Spolmula ist ein verpennertes Straßenmädchen mit unkontrollierten wilden Haaren, das auf alles scheißt (Geld, Reputation, Gesundheit, …) und nur eines möchte: beantwortet werden. Spolmula singt jedes Liebeslied, das je geschrieben wurde, aus voller Inbrunst mit, das Herz auf der Zunge, den Assi-Wodka in der Hand und klopft minütlich gegen meinen Schädel um ihm einzureden, was ich angeblich brauche. Spolmula ist hochgradig drogenabhängig und braucht den nächsten Schuss. Bisher hat sie ihn immer bekommen.

Was ist diese Droge, diese Substanz, die einen denken lässt, es sei fatal zu viel davon zu bekommen – und noch fataler, nicht genug zu kriegen? Wonach lechzt Spolmula da, in ihrem ehrlichen Lotterleben, ohne sich vor den Konsequenzen zu fürchten? Ist es das Ungewisse, das ständige „Nie ankommen“, das die Sucht am Leben hält, weil es nie an Spannung verliert, uns immer weiter trägt, von Woche zu Woche? Ist es das Leid und die garantierten Tränen, die man nicht mehr kontrollieren kann, die am Ende eben doch bittersüß schmecken? Ist diese Art der Auto-Aggression der neue Chic unter den Krankheiten, direkt nach Bulimie und Ritzen? Oder ist es der Schmerz, der angenehme Schmerz, der einem den jahrelangen Verdacht, man hätte ihn verdient, weil man nicht gut genug sei, endlich bestätigt?

Auch Spolmula hat Tage an denen sie leise ist. Das sind gruslige Tage, denn es ist unerhört ruhig und nur das schwere, rationale Ich, das ich viel besser vor Freunden, Bekannten, mir selbst verargumentieren kann, hat Redezeit. Dann höre ich mich Dinge sagen, die in jedem „Lieben Sie sich selbst“ Ratgeber mit Selbstverständlichkeit ein Zuhause finden würden. Ja, es gibt Tage, da denke ich, Spolmula hat es nicht geschafft. Der Entzug war zu lange, zu hart und Ersatzstoffe verwährte ich ihr: sie muss gestorben sein. Spolmula klopft nicht mehr gegen meine Schädeldecke und brüllt. In Wirklichkeit schläft Spolmula vermutlich 48 Stunden durch, denn jeden Tag zetern, verlangen und kämpfen macht müde. Logisch. In diesen ruhigen Tagen, in denen ich meine Ratio wiederfinde, mich distanziere vom Stoff, der mich high macht und auf den nächsten Turkey schickt, verdaue ich alles. Verdaue mich selbst. Komme mit mir ins Reine und möchte mich befreien, solange Spolmula noch schläft. Aber es ist wie erbrechen wollen ohne Verbindung von Magen zu Mund. Theoretisch eine gute Idee aber in der Praxis fehlt die Verbindung. Spolmula frisst sie konsequent auf. In ihren Träumen.

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