FREIHEIT

„Langeweile ist nur ein negativer Begriff für Freiheit“ sagte mir ein Freund in einer saloppen Unterhaltung und es warf mich aus den Angeln der Welt. Ich versuche meine Langeweile durch alles Mögliche zu füllen. Ich räume auf. Ich kaufe bunte Rosen und drappiere sie alle vier Tage frisch in meiner Wohnung, so als würde hier ein Präsident wohnen. Manchmal streichle ich die Köpfe und sage ihnen, dass sie schön sind. Schön in ihrem Tod. Ich backe Kuchen und lade Menschen ein, die mit mir das Ergebnis teilen müssen. Ich trinke Alkohol. Ich schreibe Texte. Ich lackiere mir meine Fingernägel und überlege mir neue Haarpflegevarianten. Ich war noch nie so frei und noch nie habe ich mir so sehr gewünscht unfrei zu sein.

Ich weiß nicht wie viele Menschen jetzt vor dem Rechner sitzen und sofort mit mir tauschen möchten. Keine Verpflichtungen, keine Erwartungen – einfach nur eine Beziehung mit sich selbst und so viel Zeit, dass einem schlecht wird. Auch ich fand die Idee von grenzenloser Freiheit übelst bonjour. Aber es ist wie glatte Haare haben: irgendwann möchte man um jeden Preis Korkenzieherlocken, auch wenn es die Natur einem nicht schenkt und ganz sicher nie schenken wird. Während gefühlt die ganze Welt um mich herum Kinder kriegt und Ehen schließt, ziehe ich in Erwägung mich selbst zu ehelichen. Verzweiflung ist das falsche Wort, Langeweile ist das Falsche Wort – Freiheit, das ist es, das mich in seiner Unendlichkeit erdrückt. Zu viel des Guten. Einfach zu viel.

Milliarden Möglichkeiten die sich vor mir erstrecken und die ich angähne, abwinke, nicht mal ansatzweise genauer kennenlernen will, genau wie die Männer, die sich für mich interessieren – ich mich aber nicht für sie. Die wunderschönen, im Leben stehenden Gentlemen, die sich für mich vor fahrende Züge schmeißen würden, gehen mir so sehr am Arsch vorbei, dass ich mich selbst dafür hasse. Die arroganten bebauchten Lebemänner mit grauen Schläfen hingegen haben einen unerklärlichen Magnetismus auf mich. Die, die mich höchstens als „Frau nebenher“ halten können und möchten, denen verfalle ich mit Haut und Haar, in all der Freiheit, die mir aus den Ohren quillt. Während die Welt in allerhand Kriegen versinkt und ein einziges Gefängnis wird, sitze ich hier und beschwere mich über zu viel Freiheit. Über Langeweile. Über Unausgefülltheit. Die ich so einfach füllen könnte wie Hildegard ihre Gelnägel. Warum tue ich es nicht?

Ich bin kein Fan von Ersatzstoffen. Wenn ich mit dem Rauchen aufhören möchte, dann will ich mit dem Rauchen aufhören und nicht meine gealterte Haut mit Nikotinpflastern übersäen. Wenn ich Vegetarierin werde, dann kaufe ich mir sicher keinen Tofu in Form von Schnitzeln und Würsten. Wenn ich zu frei bin, stopfe ich mein Leben nicht mit Dingen voll, die mich beschäftigen, aber nicht berauschen. Wenn ich meine stolzköpfigen Rosen mit jemandem teilen möchte, dann nicht mit Philipp Müller von um die Ecke, weil der immer so nett lächelt, sondern mit jemandem, bei dem es keine Wahl gibt. Mit dem ich es teilen MUSS weil ich sonst ersticke. Und wenn die Füllung, die sich mit meiner Seele reibt und tanzt, bis jetzt nicht gefunden habe, dann heißt Langeweile nicht nur Freiheit sondern auch Warten.

Langeweile ist nicht nur ein negativer Begriff für Freiheit. Langeweile ist ein negativer Begriff für Warten, für Ertragen, insbesondere sich selbst. Langeweile ist ein negativer Begriff für einatmen, ausatmen, für hundert Mal täglich aufs Handy schauen, für Orgasmen, für Alkoholräusche – für all das, was uns ausfüllt, wir aber nicht für bemerkenswert halten. Weil es keine Substanz hat, wenn es nicht bleibt.

The other woman enchantes her clothes with French perfume
The other woman keeps fresh cut flowers in each room
There are never toys that’s scattered everywhere

And when her own man comes to call on her
He’ll find her waiting like a lonesome queen
Cos when she’s by his side
It’s such a change from old routine

 

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5 Gedanken zu “FREIHEIT

  1. Mal wieder direkt ins Schwarze. Musste mir neulich von einer Kollegin anhören, dass sie mich bewundert, weil ich ja so frei bin und ständig machen könne, was ich wolle. Musste ihr dann erstmal erklären, dass diese Freiheit einfach nur glorifiziertes Alleinsein ist und ich nur so viel Sport mache, um irgendwie die Zeit rumzukriegen, weil mir nichts anderes einfällt.

  2. Irgendwann hast Du dann Deinen eigenen bebauchten Mann mit grauen Schläfen, der sich viel mehr für die jungen Erektasinteressiert, aber Dir ist es egal, da er Dir sowieso auf den Zeiger geht. Du hast einen Stall Kinder, die Dir auch auf den Zeiger gehen und jeder will etwas von Dir: Mama hier, Mama da… Wen Du an diesem Punkt bist, dann solltest Du Dir noch einmal Deinen Eintrag durchlesen. Entweder wirst Du dann alles hinschmeißen oder mit einem Lächeln an die alten Zeiten denken und Dich wieder um die Früchte eurer Liebe kümmern.

    Bis dahin alles Gute.

  3. Endlich spricht es mal jemand aus und gibt meiner mich selbst enttäuschenden Erkenntnis von Freiheit ein Gesicht.

  4. Ja, Freiheit kann ein Fluch sein. Wenn man zu träge und Gleichgültig ist, diese zu nutzen, ist es sogar noch schlimmer und wird zum Problem. Man wird sich selbst gegenüber zur eigenen größten Last!

    Dieses Leben habe ich hinter mir gelassen.
    Nun bin ich auf der Suche. Auf der Suche nach mir selbst und einer Lebensgefährtin. Ich will mein Leben sinnvoll genießen, auch wenn das bedeutet, die Freiheit auf gewisse Weise einzubüßen.

    Dir wünsche ich die Erkenntnis und die Kraft, deinem Leben ein lebenswertes Ziel zu geben und dieses zu erreichen. 🙂

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