UNBEKANNTE

Ich lag in seinem Arm und mein konstant hoher Puls kam langsam zur Ruhe. Allerhand Gedanken sprudelten aus meinem Mund, Überlegungen, Ängste, Unverständnis. Normalerweise ist es umgekehrt, normalerweise ist mein Redeanteil bei 2% während Lawinen von Wörtern über meinen Körper rollen. Sich in mein Ohr drängen und mich so sehr ausfüllen, wie es kein Rotweinrausch der Welt je könnte. „Mich in Beziehungsfragen zu konsultieren ist genauso sinnlos wie mich ein Mathe-Abitur korrigieren zu lassen.“, sagte ich. „Wieso? Ich denke du bist gut in Mathe?“ – ich lachte hysterisch auf. Ich kann addieren, multiplizieren, dividieren, subtrahieren. Problemlos. Ich kann Bruchrechnung, ich kann Jahresabschlüsse, ich kann Umsatzprognosen mit Kosten verrechnen – aber sobald eine Unbekannte dazukommt, bin ich aufgeschmissen. Das begann Ende der 7. Klasse und endete fünf Jahre später mit drei glorreichen Punkten im schriftlichen Matheabitur. Irgendwann habe ich den Anschluss verloren und feststellen müssen, trotz Nachhilfestunden noch und nöcher, dass mein Gehirn die Idee, die hinter der Mathematik steht, nicht verarbeiten kann, solange es ein x gibt.

In meinem Leben versuche ich deswegen das x sofort wegzukürzen, wenn ich dessen Auftauchen nicht im Vorfeld verhindern konnte. Ich bin ein Kontrollfreak, alles, was ich nicht beeinflussen kann (insbesondere meinen Todeszeitpunkt) ist mir mehr als ein Dorn im Auge. Ich möchte auf alles und jeden gut vorbereitet, Szenarien tausendmal in meinem Kopf durchgegangen sein, bevor ich mich ihnen stelle. Das hat nichts mit mangelnder Spontanität zutun, vielmehr mit dem Unvermögen das Risiko einzugehen, zu scheitern. Aber es kam wie es kommen musste und so habe ich es dreiundzwanzig Jahre geschafft das x von mir fernzuhalten, das ich auf den Tod nicht leiden kann. Weil ich weiß, ganz sicher weiß, dass ich an ihm scheitern werde.

„Was ist die Wurzel aus 4?“ testete er mich sofort. „Zwei.“ antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. „Und die Wurzel aus 16?“ schoss er zurück. „Vier.“ feuerte ich und sofort stand ich auf einem Schlachtfeld, schutzlos, ohne Helm und Camouflage-Hose. Die nächste Frage traf mich in die Brust. „Was ist die Wurzel aus 156?“ – – – . Keine Ahnung. Dieser Moment war schlimmer als die mündliche Mathe-Präsentation in der 12. Klasse über die Fibonacci-Zahlen, die ich mir ehrlicherweise von meiner mathebegabten Mitschülerin habe vorschreiben und erklären lassen. Die Präsentation lief gut, ich täuschte über die Tatsache hinweg, dass ich grundsätzlich keinen blassen Schimmer von dem hatte, was ich gerade 20 Schülern erklärte. Natürlich folgten Fragen meines Mathelehrers und ich sollte etwas vorrechnen. In diesem Moment war alles vorbei. Durchzug. – – – . Keine Ahnung. Höflicherweise ließ er damals von mir ab und gab mir 12 von 15 Punkten. Es rettete meinen Abischnitt und hat bis heute keinerlei Relevanz in meinem Berufsleben – wird es auch nie.

Mein Puls, der bis zu diesem Moment den angenehmen 70 Schlägen pro Minute entgegenschritt, machte bei der Zahl „156.“ kehrt und raste mir in den Hals. Ich schämte mich. Ich konnte die Wurzel aus einhundertsechsundfünfzig nicht ziehen, dabei hatte ich die Quadratzahlen nächtelang auswendig gelernt. Noch heute kann ich sie aufsagen. In diesem Moment, in meinem Bett, stand ich vor einer Aufgabe, die ich partout nicht lösen konnte. Ich bin nicht nur ein Mensch, dem Kontrolle wichtig ist, sondern auch ein Mensch, der vor klaren Herausforderungen nicht schreiend wegläuft. Im Endeffekt möchte ich diese Herausforderungen wider Erwarten meistern und ein unbeschreiblicher Ehrgeiz wächst in mir. So auch bei der Aufgabe, die Wurzel aus 156 zu ziehen. Ich rechnete mich dumm und dämlich und wurde wahnsinnig, während mein Lehrer, der mich fest in seinem Arm hielt, anfing mich auszulachen. Nicht dafür, dass ich es nicht wusste, sondern wie ich vehement versuchte, mir die Antwort zu erarbeiten. Wie damals nach der Fibonacci-Präsentation zeigte er jedoch direkt Nachsicht und wollte mich in die Pause entlassen – aber diesmal weigerte ich mich. „Ich werde das jetzt beantworten.“ knurrte ich und rechnete mich um den Verstand.

156 ist keine Quadratzahl. Das fand ich heraus, als ich wie so viele Male, seitdem das x in mein Leben kam, mitten in der Nacht verlassen wurde. Die Wurzel aus 156 ist 12,489995996797. Eine Zahl, die ich nachts um 1 Uhr nicht ausrechnen konnte. Er stellte mir – nicht zum ersten Mal – eine unlösbare Aufgabe, an der ich mich verbiss. Keine Wut, keine Reue machte sich breit. Eine unheimliche Erleichterung beschlich meine in sich zusammengefalteten Lungenflügel, als ich nachts auf meinem Balkon saß und feststellte, dass ich diese Aufgabe nie zu meiner Zufriedenheit hätte lösen können. Ich hatte die Gewissheit in diesem Punkt kein Idiot zu sein. Trotzdem legte ich mich mit meiner Schusswunde zurück ins Bett und umklammerte mein Seitenschläferkissen. Mein Methadon.

Alles richtig machen zu wollen, sich in keinem Punkt Fehler erlauben zu dürfen, Schwächen verbergen zu müssen, ist mein persönlicher Krieg gegen die Unbekannte x. Wir werden gleichermaßen vom selben Händler mit Waffen beliefert und auch wenn ich Angst vorm Rückstoß der Handfeuerwaffen habe, drücke ich ab und falle in mir selbst zusammen, je öfter ich nachladen muss. Nicht nur ein Ort, eine Stadt, eine Wohnsituation ist mein persönliches Kriegsgebiet – es sind die Geister in meinem Kopf, die mir einreden, ich dürfe Nichts nicht können. Zeit auf sie zu schießen, anstatt auf Variablen, die aus meiner Rechnung purzeln können, sobald ich herausgefunden habe, mit was man kürzen muss.

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2 Gedanken zu “UNBEKANNTE

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