WUNSCHFABRIK

Ich bin ein Wirtschaftsunternehmen. Solider Mittelstand, würde ich sagen, mit exzellenten Produkten und einer eher mittelmäßigen Marketing- und Vertriebsabteilung. Bei mir werden unbezahlte Überstunden geschoben, teilweise wochenlang, teilweise ohne Freizeitausgleich, denn man darf ja nicht untergehen im Weltmarkt. Zumindest nicht im Regionalen, das wäre fatal. Der Wille ist stark und gut, die Umsetzung ist holprig. Das Gelddepot zur Gründung schimmelt auf der hohen Kante vor sich hin und vielleicht sollte ich damit beginnen Bonitätschecks meiner Kunden durchzuführen, denn viele kaufen auf Rechnung und vergessen dann zu bezahlen. Von der Mundpropaganda ganz zu schweigen, denn was auch immer ich herstelle, für den ausgewählten Kundenkreis – der Name meiner Firma wird nicht genannt. Niemals.

Als ich noch ein kleines Wirtschaftsunternehmen war, war mein Paradeprodukt gute Noten. Gute Noten wurden mir aus den Regalen gerissen wie geschnitten Brot. Dann war die Bude voll, das Lächeln meiner Kunden zufrieden. Ich lernte, dass es ratsam ist, Nachschub herzustellen, damit ich nicht mehr alleine hinter der Kasse sitzen und meine Haare auf dem Kopf zählen muss. Damit mich jemand beantwortet. Aber wie es in jeder Firma in den Kinderschuhen so ist, kamen die ersten Schwierigkeiten. Die erste Maschine fing an zu streiken, kein Wunder, ich ließ sie 24/7 ohne Ruhepause laufen, und so beschloss ich junge Unternehmerin, die Notenproduktion müsse eingestellt werden. Ich hatte wesentlich bessere, wesentlich stärkere Qualitäten, deren Herstellung weitaus ausgefallener war, als die paar Einsen und Zweien in Englisch und Deutsch.

Hierfür war ein anderer Markt gefragt, ein erlesenerer, der nicht um die Ecke meines noch kleinen Ladengeschäfts wohnte und gezwungen war, sich die Auslegeware Tag für Tag im eifrig polierten Schaufenster anzusehen. Ich schuf Fabriken und Arbeitsplätze für die vielen kleinen Komplexchen, die sich meine Mitarbeiter nennen, und in Arbeiterbaracken im Untergeschoss meines Firmengeländes wohnten – durfte keiner sehen, denn auch wenn sie hervorragende Arbeit leisteten, sie waren unansehnlich und Optik ist die Nummer Eins im Verkauf, ist ja logisch. Ich spezialiserte mich auf alles, folglich spezialisierte ich mich auf gar nichts. Wenn mir jemand gefiel, der an meinem Ladengeschäft vorbeischlenderte, verwickelte ich ihn gekonnt in Gespräche – meist waren es Männer zwischen 23 und 42, die ich bei einer Gratis Tasse Schwarztee mit Zitrone – klassisch persisch – durch Zauberhand dazu brachte, mir zu berichten, an was es ihnen fehlte.

Auf Knopfdruck stellte ich her was sie brauchten, band bunte Schleifchen drumherum und legte ihnen das Wunschobjekt in die Hand. Erzählte also jemand im Nebensatz, er wünsche sich nichts mehr als dieses eine Kinderbuch, an dem er als kleiner Junge so hing, es aber im Kindergarten verlor, schickte ich zwei meiner Mitarbeiter los, es zu besorgen, während ich gestriegelt, lasziv die Beine überschlagend, vor ihm saß und aufmerksam nickte. Bekam ich, also dann auch er, das Buch, das seine Augen strahlen ließ wie die eines Vierjährigen vorm Weihnachtsbaum, spitzte ich die Lippen und behauptete es sei kein großer Aufwand gewesen. In der festen Überzeugung, dass ich es tatsächlich nur irgendwo rumliegen hatte, verflog die Dankbarkeit schneller als das dick aufgetragene Herrenparfüm im Verkaufsraum, und er ging. Natürlich kam er wieder, ein Mal, zwei Mal, tausend Mal, und er wusste selbst nicht wieso, aber ich wusste es genau. Und jedes Mal verließ der den Laden mit einem neuen erfüllten Wunsch.

Aber es blieb nicht nur beim Kinderbuch-Kunden, es kamen immer mehr, die ich in die Höhle der Wunschfabrik zog, und egal was sie zwischen den Zeilen verrieten, es war mir immer möglich, den Gegenstand zu beschaffen und ihnen ein breites Freudenlächeln aufs Gesicht zu zaubern. Aber mehr als einen Wimpernschlag Dankbarkeit konnte ich aus ihren spärlich gefüllten Geldbörsen nicht pressen und so war es nur allzu vorhersehbar, dass mein Ladengeschäft, und somit ich, nach jedem Kunden unterging. Es anders zu machen, es besser zu machen, schwörend, eröffnete ich wieder und wieder von Neuem und ich kann nicht mehr zählen wie viel bunte Luftballons ich in diesem Zuge aufblies, die irgendwann wie schlaffe Rosinen von der Decke hingen, da ich nicht mehr dazu kam sie abzuhängen, aufgrund des Kundenandrangs vor meiner Verkaufstheke. Jeder, der den Laden betrat, verließ ihn als zufriedener Kunde, aber ich konnte nicht mehr und so erwog ich schweren Herzens, Konsequenzen zu ziehen und zu automatisieren.

Ich baute allerlei Maschinen, handwerklich geschickt bin ich auch, und schloss sie an die einzige Quelle an, die sie zur Genüge mit Energie beliefern konnte, mein Herz, und saß ausgemergelt zwischen ihnen in der Hoffnung es käme jemand zurück, um mich zu lieben und zu befreien. Aber das geschah nicht, nie, und am Fließband vor, neben, hinter und über mir, schwammen die abertausend Waren vorbei, in die Hände der Menschen, die sich nie die Mühe machten, zu fragen, wer ich eigentlich sei.

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