LEBENSAB- SCHNITTE

Frauen sagt man nach, wenn sie einen neuen Lebensabschnitt betreten, stellen sie etwas Neues mit ihren Haaren an. Trennung mit Tränen? Frecher Bob. Erstes Kind? Schnafte Kurzhaarfrise. Neuer Typ? Dauerwelle! Ganz einfach, oder? Ihr solltet mich kennen, ich finde das albern. Heute ließ ich mir meine lange splissgeplagte Lockenmähne radikal trimmen und auch wenn ich vorab rumjauerte (aber nuuuuur die Spitzen) dachte ich mir irgendwann in meinem mittlerweile sehr weichen Gehirn „Yolo“ und „Swag“ gleichzeitig und ließ die persische Schnalle machen, was sie wollte. Das kranke Haar ab, bis nur noch Gesundes übrig war. Danach war ich unglücklich.

Wenn Männer mir Komplimente machen dann vorrangig zu meinem Haupthaar. Augen? Pfff. Lippen? Gähn. Arsch? Trauen sie sich nicht. Haare? Unverbindlich aber nett, das geht immer. Und während ich SMS bekomme ob es einen neuen Mann in meinem Leben gäbe, da ich Haareschneiden war, lächle ich gequält, denn nein, es gibt keinen Neuen, es gibt nur denjenigen, der immer und immer wieder diese Texte hier verursacht und glaubt mir, dem sind meine Haare scheißegal. Ich saß also auf diesem Stuhl im Friseursalon und es liefen trashige persische Lieder und legte mein Markenzeichen, mein Komplimentemagnet, in die Hände einer Frau, die sagte ich sähe nicht iranisch aus. (Tu ich wohl, Bitch.)

Welchen Lebensabschnitt könnte dieser Schnitt symbolisieren, fragte ich mich, während ich die Augen schloss. Den der Tatsache, dass ich jetzt zwei Katzen habe und für immer die krehsi ledige Catlady sein werde? Den der Überlegung mich von einem Mann zu lösen, den ich zwar liebe, der mir aber wehtut? Nein, streicht das, dann hätte ich die letzten zwei Jahre ständig beim Haareschneiden gewesen sein müssen. Den, der Ernüchterung hinsichtlich ungefähr allem? Der Entromantisierung des Lebens? Der beruflichen Neuorientierung? Ich zuckte mit den Schultern. Nö. Ich hatte einen Gutschein und der wäre sonst abgelaufen und da ich ein Geier bin nehme ich alles mit was for free ist, ihr Opfer.

Wir betreten täglich neue Lebensabschnitte. Im Großen, im Kleinen, oftmals so klein, dass wir es nicht merken. Es muss nicht die neue Partnerschaft, Wohnsituation, Arbeitsplatz oder Abnabelung von XYZ sein – es sind diese kleinen Erkenntnisse, die uns jeden Tag als einen etwas anderen Menschen einschlafen lassen. Das klingt im ersten Moment cheesy aber lasst euch das mal durch den Kopf gehen. Lebensabschnitte … die definieren wir selbst – und keine Frauenzeitschrift.

Und nach den anfänglichen obligatorischen drei Stunden, in denen ich meine kurzen Haare so semi-gut (beschissen) fand, kippte die Sache und ich bin kurz davor Gliss Kur nach einer Schere zu fragen, die ich durchbrechen kann. Für Geld. Viel Geld. Enorm viel Geld. Und all diejenigen, die mir immer ins Ohr säuselten, dass ich so tolle lange lockige Haare habe, sollen sich zuscheißen gehen oder sich mal umgucken, ob an mir noch etwas anderes schön ist. Meine Seele, zum Beispiel.

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