OHNE TITEL

Ich dachte immer, seinen Vater beerdigen zu müssen, ist hart. Vielleicht das Härteste, das man in seinem Leben machen muss. Jetzt, eine Woche danach, habe ich lange mit mir gehadert ob ich darüber schreiben (und vor allem es veröffentlichen) soll. Es ist wie mit Kinderkriegen: Man geht einige Zeit damit schwanger, bringt es unter Schmerzen ans Tageslicht und gewöhnlich zerstört es einem die restlichen Lebensjahre restlos. Das Risiko nehme ich in Kauf.

Es war nicht hart. Es war Fernsehen und gleichzeitig einen Marathonlauf bestreiten. Es war ein konstant hoher Puls, insbesondere im Ohr, und taube Hände und Arme. Es war kalt, kalt genug für Oktober. Es war unwirklich. Es war nicht richtig und vielleicht war – vielleicht bin – ich zu jung dafür. Vielleicht ist man nie alt genug dafür.

Ich wurde in jüngster Vergangenheit häufig darauf hingewiesen, dass ich doch zu traurig, zu sehr am jammern, zu negativ war. Das mag objektiv so sein. Wenn man in seinem Leben vor Aufgaben steht, die man nicht bereit ist alleine zu bewältigen, ist es natürlich, dass man sich jemanden wünscht, der an seiner Seite steht und einen auffängt. Jemanden, der einen bedingungslos liebt. Vor dem man weinen kann, ohne Angst zu haben, die tränenverschmierte Fratze könnte das Gegenüber abschrecken. Einen Partner, eben.

Wenn man seinen Vater beerdigt braucht man keinen Partner. Ich habe ihn mir umsonst gewünscht. In der Kapsel, die sich anfühlt wie ein Vakuum, in der man über den Friedhof treibt, ist nur Platz für mich selbst. In der Kapsel, die sich anfühlt wie ein Vakuum, in der man zurück in den Alltag treibt, wird es mit mir selbst sogar bedrohlich eng. Man bekommt Platzangst. Und immer und immer wieder diesen verdammt hohen Puls, den man im Ohr fühlt. Und Herzaussetzer. Und auf einmal stellt man fest: die immer dagewesene Angst vorm Tod hat sich verwandelt und ist keine Angst mehr. Sie ist der verlässlichste Partner, den man sich je hätte wünschen können.

Ich weiß nicht was Trauer ist. Ich weiß auch nicht wie man richtig trauert und ob ich trauern kann. Ich weiß nicht ob ich nicht die vergangenen zehn Jahre im Voraus trauerte. Ich weiß nicht ob die Etikette, mir die Hand zu drücken und „mein Beileid“ zu murmeln nicht das Unangenehmste ist, das man mit einem Menschen anstellen kann. Ich weiß nicht ob ich etwas erwarte. Und wenn ich etwas erwarten sollte, dann wüsste ich nicht was.

Solche Momente probt man nicht. Es gibt keinen Kurs, wie vor Geburten, in denen man beigebracht bekommt, wie man atmen soll und wo es wehtun wird. Es ist eine Welle Überforderung, die einen überschwemmt und die Lungen flutet. Solche Momente probt man nicht. Die packen einen eiskalt von hinten und zerren einen an den frisch geschnittenen Haaren zu Boden. In diesen ungeprobten Momenten erkennt man selbst mit verklebten Augen und dröhnenden Ohren kinderleicht, wer um einen herum überhaupt Größe hat. Den Rest kann man wegkürzen, wenn das Leben es nicht sowieso schon für einen übernimmt.

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6 Gedanken zu “OHNE TITEL

  1. Ich mag deinen Text, weil ich sehr vieles sehr ähnlich sehe und empfinde. Ich habe gerade das Gleiche erlebt. Und mir zuvor selbst so viel Angst eingejagt. Aber es ist anders als man denkt. Es ist zwar ein Ende aber all die Erfahrung ist am Ende vielleicht ein Geschenk. So zumindest empfinde ich es. Ich habe auch ewig überlegt drüber zu schreiben und es letztlich dann doch getan. Aus eigener Verwunderung darüber vielleicht, dass der Schrecken davor größer war, als der danach. Mein herzliches Beileid aus einem ähnlichen Vakuum.

  2. Es ist schwierig, weil man nicht weis, wie du schreibst, wie man sich verhalten soll, da es einem nicht beigebracht wurde. Ferner ist es bei Frauen eh etwas anderes, schließlich ist die vater-Tochter-beziehung etwas Besonderes. Auch dienen Töchter der emotionalen Grundversorgung von Vätern.

    Ein Freund von mir, erzählte mir, er fühlte Erleichterung und schwadronierte dann darüber, warum er keine Trauer fühle und ob er vielleicht einen Ödipus-Komplex hatte.

    Ich selbst rief einige alte Erinnerungen hervor und verabschiedete mich auf diese Art. Nervig fand ich einen Freund der Familie, der vaterlos aufwuchs und mich dauernd fragte, wie es mir ginge. Welche Erwartungshaltung hatte er, fragte ich mich, was will er hören, was äußert man nun comme-il-faut-mäßig.

  3. Die Endgültigkeit des Todes Haut mich jedes Mal aufs neue um. Egal, ob es ein naher oder ferner Mensch ist.

    Meine Eltern leben zum Glück noch. Dieses Glück weiß man erst dann zu schätzen wenn man sieht wie es ist, wenn Eltern sterben. Meine Schwiegermutter ist viel zu früh gegangen. Ja, es war besser als weiter zu leiden und doch ist das nur ein kleiner Trost.

    Die nächste Zeit wird Dir die Endgültigkeit immer wieder bewusst werden. Es wird Dir allerdings auch bewusst werden, dass die negativen Erinnerung immer mehr verblassen und die positiven immer stärker werden. Das erhöht zwar einerseits den Schmerz des Verlustes aber andererseits fühlt man sich doch ganz gut dabei.

    Ich wünsche Dir viel Kraft in den kommenden Wochen und Monaten. Alles Gute

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