DANN WAS?

Wenn um einen herum im förmlichen Minutentakt Menschen aus dem Leben scheiden, Menschen, denen man Nahe stand und die einen nicht unwesentlichen Teil seiner eigenen Persönichkeit ausmachten, schreckt man öfter als man möchte mitten im Leben auf und fragt nach dem großen Warum. Nicht „warum stirbt jemand“ oder „warum ist das Leben endlich“ – mehr nach „warum gehen wir arbeiten?“ oder „warum nutze ich meine Zeit nicht anders“, wahlweise auch „wozu brauche ich einen Abschluss, den nehme ich sowieso nicht mit ins Grab.“ – das sind kurzfristige Gedanken, ich weiß, aber sie kommen und sie bleiben eine Weile, sodass man fast meinen könnte, sie haben sich häuslich eingerichtet, bevor der gesellschaftliche Trott einen wieder mitreißt und man in der Brühe an Konflikten, Zeitmangel und Angst vor sich hinverrottet.

Das ist nicht das schönste Bild, das ich je mit Worten malte, aber vielleicht eines der Ehrlichsten. Und Ehrlichkeit können wir uns alle nur bedingt leisten, wenn wir mal ehrlich sind. Oh.

Ich habe keine Lösung, das sei vorweg eindrücklich gesagt, denn hätte ich sie, würde ich diesen Moment meiner kostbaren Lebenszeit nicht damit verbringen Worte in ein Bildschirmfenster zu tippen, oder mein Herz an einen Mann zu vergeben, der nie niemals die Hände freihaben wird, für das Gewicht, das ich ihm aufbürde. Ich weiß nicht was ich stattdessen tun würde, ich weiß nicht ob meine Hautunreinheiten besser oder mein Körpergewicht weniger wären, ich weiß nur, dass dieser unangenehm fahle Geschmack in meinem Mund weg wäre und der Druck, der ganze Druck, den das Leben einem aufhalst und den man nie im Stande sein wird abzubauen. Wie auch? Wir vögeln uns die Leere aus den Körpern, wir ertränken einander in bauchigen Weingläsern, bis die letzte Luftblase kläglich die Oberfläche sucht, wir begraben einander symbolisch oder in Wirklichkeit, kratzen uns die eitrigen Wunden auf, die uns diejenigen antaten, die wir am meisten lieben und dennoch bleibt er da, der Druck.

Der Druck es anders zu machen, es besser zu machen, Familie zu haben, von Geld ganz zu schweigen und vor allem glücklich zu sein. Mit sich selbst oder mit anderen, je nachdem was die Rafaello-Werbung uns dieses Jahr erzählt. Und dann sitzen wir da, eines Tages, und haben nichts außer schlechte Leber- und Nierenwerte und nikotingealterte Haut und zwanzig Liter vergossene Tränen, die wir nie mehr wiederbekommen, genauso wenig wie unsere Gesundheit oder unsere Zeit, unsere ganze verschwendete Zeit, verschwendet an Menschen, die gar nicht wissen wer wir sind und was uns ausmacht und die wir trotzdem beeindrucken wollten, die wir dazu bringen wollen uns zu lieben, uns und unsere vergifteten Gefäße und unser krankgeschrumpftes Herz und unser bisschen Hab und Gut das wir in unseren Wohnungen horten und nur gelegentlich herausnehmen, um uns daran zu erinnern, wie schön es war, als es noch war – und nicht verging.

Alles was bleibt ist die Hoffnung, die trägt uns, die treibt uns, die sorgt dafür, dass wir immer und immer wieder weitermachen. Die Hoffnung auf ein verschissenes Happy End, das nie, niemals eintreten wird. Happy Zwischensequenz, vielleicht, aber allerspätestens in dem Moment, in dem wir daliegen, mit unseren kaputten Körpern, unseren kaputten Seelen, unserer unüberbrückbaren Trauer um uns selbst, sind wir allein – egal wie viele Hände nach uns greifen sollten, wir sind sowieso nicht mehr im Stande sie zu fassen.

tumblr_ncajo85T7w1r7ksqyo1_500

Advertisements

2 Gedanken zu “DANN WAS?

  1. Hab diese „warum“ Fragen auch schon hinter mir 🙂 ,bloß das einzige was mich eig. noch antreibt ist mein instinktiver Lebenserhaltungstrieb.

  2. Hast du jemals versucht dich und deinen Geist/Seele davor zu schützen? Schreib mal wie das war!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s