VON DER ANGST

Wir haben alle immer Angst. Angst vor der Stromabrechnung, Angst vorm Kater am nächsten Morgen, oder Angst vor K.O. Tropfen, Angst vor schlechten Noten, schlechten Abschlüssen, schlechten Jobs, einer verdammt schlechten Ausgangsposition für’s weitere Leben, Angst vorm Kinder kriegen – und diese erziehen – Angst vorm Erwachsensein, vorm Vermieter, den Nachbarn, die unsere Musik zu laut finden könnten oder unseren Eltern, die uns sehr gerne einen wahnsinnig verzerrten Spiegel vor das versoffene Gesicht halten. Angst vor Terroranschlägen, Angst davor die Bahn zu verpassen, Angst davor niemals einen Partner zu finden – oder denjeningen, den wir dafür halten, wieder zu verlieren. Wir sind verschreckte kleine Häschen und durch unsere Venen fließt nicht nur Alkohol, Koffein und ein paar wenige rote Blutkörperchen sondern immer und immer wieder die Angst.

Ich bin da keine Ausnahme, im Gegenteil, ich bin ein Paradebeispiel für’s Angsthaben. Ich bin so sehr Paradebeispiel, dass ich mich seit nunmehr fast drei Jahren in Therapie befinde, um meine Angst und Panikattacken auch nur ansatzweise in den Griff zu kriegen. Meistens funktioniert es tatsächlich ganz gut und ich gehe Tag für Tag ohne das beklemmende Gefühl in der Brust, nicht mehr atmen zu können, durch mein gut versichertes Leben. Ich versicherte mich zu Tode. Rechtschutz, Zahnzusatz, Hausrat, Haftpflicht, ich war sogar kurz davor meine Katzen krankenzuversichern, denn der Teufel ist ein Eichhörnchen und sicherlich würden sie einmal krank werden und ich – für meinen Teil – im finanziellen Ruin versinken, aber der Versicherungsvertreter sagte „lieber vorher die Berufsunfähigkeit“ und ich wankte vor Angst taumelnd aus dem Versicherungsbüro und jetzt bin ich kurz davor alles zu kündigen und zu sagen: was soll’s?

Angst zu haben ist lebenserhaltend, so unbequem dieses Gefühl auch ist, in der Regel wurde sie uns von der Natur mitgegeben, um unsere Sinne zu schärfen, in Alarmbereitschaft zu sein und reaktionsfähig, so gut wir es nur können. Ich glaube, dass meine oftmals unbegründete Angst, mir schon das ein oder andere Mal den Arsch gerettet hat und ich bin ehrlich gesagt noch lange nicht an dem Punkt sie abzulegen – außer in einer „Kleinigkeit“, die mit der Angst oft Hand in Hand geht, und das ist unsere aller Lieblingsfreundin: die Liebe.

Ich drohe mich zu wiederholen, aber du und ich, meinetwegen unsere Generation, oder auch die davor, vielleicht sogar – ganz weit gegriffen – unsere scheiß Spezies, ist ein phänomenales Schauspiel an Verängstigung, sobald jemand uns berührt. Ich spreche nicht von Körperlichkeiten, meine Altersgenossen und Genossinnen mögen peinlich berührt nicken wenn ich behaupte, sie haben sich in ihrer albernen Kokserei schon von allerhand Menschen zwischen den Beinen berühren lassen, deren Nachnamen sie nicht mal kennen, ich spreche von einer tatsächlichen Verbindung zwischen zweier Menschen, dem sich gegenüberstehen und nasse Hände bekommen und sich wie betrunken zu fühlen, ohne auch nur einen Tropfen Alkohol zu sich genommen zu haben. Leicht zu sein, ohne Gewicht verloren zu haben, und vielleicht – ja, es ist kitschig – ein wenig zu schweben, und die Gefahr einzugehen, auch wieder zu fallen, denselben Boden, der uns einst wie selbstverständlich trug, auf einmal viel härter zu spüren, als er je war.

Aus Angst vor einem möglichen Aufprall, vor einer möglichen Enttäuschung, einer Trennung, einer Schwierigkeit, zu großen Gefühlen, die wir uns selbst nicht mehr erklären und vor allem nicht vor anderen rechtfertigen können, Hingabe, lassen es die Feiglinge unter uns gar nicht erst so weit kommen. Sobald es beschwerlich wird, allerallerspätestens dann, wird aufgegeben, weggerannt: bloß nicht mehr investieren als der andere, bloß nicht mehr ertragen, bloß nicht auch nur eine Träne vergießen, weil unsere Hoffnungen und Erwartungen, die wir von Jahr zu Jahr höher schrauben, aber niedriger kommunizieren, nicht erfüllt werden. Auf einmal werden Gefühle in solchen Verbindungen zu messbaren Werten, die in Waagschalen geworfen werden und sobald der Messzeiger auch nur ein Fitzelchen in die falsche Richtung ausschlägt, werden die halbherzig gebauten Zelte schneller abgebrochen als man „Angsthase“ sagen kann.

Ich hatte Angst vor U-Bahnen, Angst vor Spinnen, Angst vorm alleine zuhause sein, Angst davor, im Treppenhaus gekidnappt zu werden (ja.), Angst vor Autobahnen, die Liste ist unendlich. Aber vor einer Sache hatte ich nie Angst und ich hoffe, dass ich sie auch nie haben werde: zu lieben. Vollkommen, ohne Ansprüche zu stellen, Bedingungen oder ein ganzes Regelwerk, wie viel ich prozentual maximal investieren dürfte, bevor ich mein Gesicht verliere oder – Gott bewahre – eines Tages feststelle, dass ich nie geliebt habe, sondern mir stets etwas vormachte. Egal wie oft in meinem Leben auf der amourösen Seite etwas schiefging, und das tat es, ihr könnt es nachlesen, so kann ich mit Sicherheit sagen, habe ich es nie zu wenig, zu kurz, versucht. Meine Kondition gehalten, gesteigert und oft genug für den anderen mitgeatmet. Dafür erwarte ich keine Gegenleistung. Niemals.

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3 Gedanken zu “VON DER ANGST

  1. Hast du mal versucht mit esoterischen Methoden deine Seele/Geist von den anderen zu trennen? So das sie dir keine Angst machen können? Wenn ja, schreib mal wie es war!

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