ICH WÜRDE JETZT KOCHEN

Ich würde kochen, jetzt, etwas mit Reis und roter Soße und Lammfleisch und Auberginen und es wäre schön, weil du im Nebenraum wärst und dummen Unsinn im Fernsehen sehen würdest. Du würdest vermutlich liegen, mit halboffenen Augen, und ständig rüberrufen, was die Tanten im Fernsehen so von sich geben, mich teilhaben lassen, aber ich würde es nicht verstehen, denn das Essen brutzelt und uns trennen ein paar Meter, ein paar Meter zu viel, aber du wärst da. Ich würde in einer günstigen Minute im Türrahmen stehen und so etwas sagen wie „du weißt doch, dass ich nichts verstehen kann, wenn du so weit weg bist.“ und du würdest einen Witz machen und ich würde lachen und mich wieder umdrehen und gehen – und keinen Wein brauchen zum Essen oder zum Einschlafen oder überhaupt.

Dann würde ich den Tisch decken, obwohl du es hasst, wenn er so an der Wand steht, aber damit musst du leben, und würde sagen „Monsieur, ich bitte zu Tisch“ und du würdest essen und ich auch und wir würden erzählen, ganz viel erzählen, von heute und morgen aber immer weniger von gestern, bis wir vergessen haben, dass es gestern einmal gab. Und ich würde den Tisch abräumen und die Stühle zurechtrücken während du wieder auf deinen Platz auf dem Sofa wanderst und dann würdest du sagen „in Palästina ist wieder Krieg“ und ich würde sagen „diese schlechte Welt“ aber es würde sich nicht anfühlen, als wäre die Welt schlecht, denn du wärst da und nicht fort. Ich würde mich bei meiner Zigarette, die ich auf dem Balkon rauche, schlecht fühlen, aber dich ganz genau sehen können durch die Balkontür und dich beobachten, aus dem Augenwinkel, und die Zigarette nach der Hälfte ausdrücken, weil sie mir nicht mehr schmeckt, mir nicht so gut schmeckt wie du, und die Luft, die du ausstößt.

Nach meiner Zigarette würdest du mich vehement auffordern mich endlich, endlich zu dir zu legen, und das würde ich tun, auch wenn so wenig Platz ist für mich, ich brauche nicht viel, und ich würde das, was auf dem Bildschirm läuft, nicht sehen können, weil ich mich in der Kuhle vergrabe zwischen Schulter und Hals, und versuche meinen Herzschlag deinem anzupassen, bis unsere Atmung identisch ist und dabei denken „oh Gott ist das kitschig“, ja vielleicht, aber es ist auch so wahr und meine Hand sucht deine und so liegen wir da, Minute um Minute, bis, dass der Schlaf uns einwickelt.

Ich würde nicht hier sitzen, mit meinem Laptop auf dem Schoß, und meine Wünsche auf ein weißes Bildschirmfenster hinabregnen lassen, weil ich sie ausnahmsweise erleben würde, und auch nicht alle dreißig Sekunden innehalten um einen großen Schluck Rotwein zu nehmen und auch keine salzigen Erdnüsse essen, die mir vielleicht sogar zum Hals raushängen. Ich würde nicht in mein viel zu großes Bett kriechen, nachdem sich alles anfängt zu drehen, und dort deine Mailboxnachrichten abhören, bis die Entzugserscheinungen gemildert worden sind. Ich würde nicht mehr so oft „das hört jetzt auf. Ich brauche den nicht“ denken müssen, weil ich dich hätte, und du mich, und nicht mehr so oft anrufen müsstest, nicht mehr so oft wenn du isst, oder zur Toilette musst oder die nächste Rechnung hereinflattert, nicht mehr so oft „du fehlst mir“ sagen müssen, weil es nichts mehr gäbe, was fehlt, denn wir wären beieinander – und ich nicht Abend für Abend so sehr betrunken und so sehr taub, dass ich befürchte, mich zu verlieren.

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3 Gedanken zu “ICH WÜRDE JETZT KOCHEN

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