GESCHICHTE

Adieu zu sagen fällt so leicht, wenn es dafür einen Anlass gibt. Umziehen, zum Beispiel, hat diese sanfte Version von Abschieden inne. Ein Riss namens Distanz schleicht sich zwischen zwei Leben, räumlicher Distanz, auf die zwangsläufig immer auch die emotionale folgt. Oder Streit. Oh, wie gern würde ich streiten, so sehr streiten, dass ich schreien muss und Dinge werfe. Schwere Dinge, die Geräusche machen, die meine sich überschlagende Stimme übertönen. Und dann die Tür ins Schloss werfen und sagen: das war’s! Ich gehe! Für immer!
Oder:

Ich hasse dich! Du bist ein Arschloch. Du bist ein Egoist. Warum tust du mir das an. Warum bin ich nichts wert, warum behandelst du mich so. Du machst alles kaputt, du machst mich kaputt, du machst mich krank. Ich kann das nicht mehr, ich will das nicht mehr. Ich will das einfach nicht mehr, ich will atmen können, ich will glücklich sein, warum können wir nicht glücklich sein, warum sind wir gescheitert – warum scheiter ich an dir.

Aber wenn man nach Jahren der Misshandlung gekrümmt am Boden liegt und die Wahl hat jetzt zu gehen oder ein… zugehen – jahrelang gelächelt hat, jahrelang genickt hat und nie schrie: das tut weh. Du tust mir weh – dann kriecht man auf allen Vieren von einem Schlachtfeld, auf dem nur einer Krieg austrug. Und zwar man selbst. Mit sich selbst.

Das ist vielleicht unfair und vielleicht nicht die feine englische Art, sich abrupt von etwas zu retten, das man hätte im frühen Stadium schon allzu klar benennen können – aber es ist eine Nebenwirkung von Hoffnung und seien wir mal ehrlich, davon tragen wir alle genügend in uns. Wir hoffen tagein, tagaus, auf Besserung egal welcher Art. Und wir strampeln im Marathon des Lebens bis unsere Beine ganz taub und schwer sind mit einem Wunsch in den Augen. Dem Wunsch, dass alles gut wird.

Nur, wenn man einmal mit aufgeschürften Knien und aberhunderten blauen Flecken am Wegesrand innehält, weil der Kreislauf kollabiert, erlischt der Wunsch einen kurzen Moment und weicht der Realität. Und die ist leider nie so romantisch wie die ehrenhaften Ziele, die wir erreichen möchten.

Oh, wie gern würde ich streiten, anstatt so nackt und geschunden auf kaltem Boden zu liegen und zu warten, dass meine Hoffnung mich verlässt und ich endlich die Kraft habe mich selbst in Unsicherheit zu bringen. Richtig. In Unsicherheit. Der kleine Kosmos, in dem sich all die Anstrengung ereignet, gesprengt hinter sich zu lassen und nicht zu wissen, wo man sich letztendlich befindet und wohin mal gehen soll. Diese absolute Freiheit, die so sehr beängstigend ist, vielleicht beängstigender als all die metaphorischen Tritte und Schläge, die man über sich ergehen ließ.

Aber jetzt, genau jetzt ist der Moment zu wählen. Und man hat immer eine Wahl. Weiter hoffen, weiter kämpfen, oder gehen. Es gibt weiß Gott für beides genügend Gründe. Nur die Uhr, der größte aller Gründe, steht gegen eine Verschwendung, die keine Daseinsberechtigung hat als die alleinige Hoffnung dass wenigstens dieses eine Mal, alles gut wird. Und dann sitzt man da, ihm gegenüber, und weint und weiß ganz genau, dass man all das betrauert, von dem er noch nicht weiß, dass es Geschichte ist.

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