FEIGLINGE

Ich bin nicht außergewöhnlich schön. Wenn du mich abends siehst, dann leuchte ich. Ich leuchte weil der Alkohol meine Gefäße ganz weit macht und alles in mir glüht, als hätte ich einen Funken inne – den es nie gab. Morgens hingegen kann das ganze Sonnenlicht meine vernarbte Haut nicht mehr verstecken. Meine kleinen Mandelaugen, die nach dem Aufstehen immer leicht tränen, als würde ich den neuen Tag bereits zu seiner Geburt betrauern. Ich bin kein Mensch, den du morgens sehen solltest und vermutlich ist das der Grund, warum so oft darauf verzichtet wird.

Nachts hingegen taucht die Dunkelheit all meine Makel in einen nie enden wollenden Schatten, der mich schützt. Nachts bin ich stark und groß und witzig. Nachts sage ich Dinge, die ich tagsüber nur zu schreiben wage. Ich verlerne für eine kurze aber unnachahmliche Zeitspanne jegliche Zweifel und atme, wie ich noch nie geatmet habe. Nächte sind so sehr gütig. Jeder Morgen hingegen so gnadenlos.

Wenn die Sonne scheint, die meine unnatürlich ausgeblichene Haut zumindest einige Monate mit Farbe füllt, bin ich Schuld. Schuld an deinem nachdenklichen Gesicht. Schuld daran, wenn du nicht lachst. Schuld daran, dass alles nicht so läuft wie ich es dir jede Sekunde meines kümmerlichen Lebens so sehr wünsche. Aber all das Licht kann all den Kummer nicht verstecken, den wir alle versuchen so tief zu vergraben, dass wir ihn beinahe vergessen könnten.

Und vielleicht scheitern wir daran, dass so vieles verborgen, aber niemals behoben werden kann. Und vielleicht scheitern wir daran, dass wir uns anschweigen, wenn wir eigentlich schreien sollen. Und vielleicht bin ich Schuld. Aber es ist einfacher zu ertragen je später der Tag und je fortgeschrittener die Nacht ist. Wenn alle Vögel schweigen und wenn all meine Makel nur wenige Stunden verschwinden um dir die Illusion zu schenken, die ich dir sein will. Genau richtig für all die Wunden, die deinen nackten Körper zieren und so schön sind, dass ich nicht anders kann, als sie zu lieben. Während ich meine verstecke. Während ich das, was du nicht sehen sollst, vor dir verstecke und innehalte, einen kleinen Moment, um zu begreifen, was dieses Leben aus uns macht: Feiglinge.

Und ich tue mich schwer zu entscheiden wer am Ende des Tages, am Ende dieser Nächte, der größere Feigling ist. Du, der schweigt oder ich, die zu viel spricht, aber nie das Richtige.

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4 Gedanken zu “FEIGLINGE

  1. Es gibt so Texte, die lese ich – und dann will ich die Verfasserin spontan in den Arm nehmen. Dann abknutschen. Dann vögeln. Dann wieder in den Arm nehmen. Und dann fällt mir ein: Ach, verdammt, is ja bloß Internet. Fazit: Is schon alles nich so einfach…

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