SCHATTEN

Unser Langzeitgedächtnis ist die wohl gefährlichste Erfindung seit es menschliche Gehirne gibt. Klar, es bewahrt uns davor beispielsweise immer und immer wieder auf die Herdplatte zu fassen und Brandblasen auf den Händen zu züchten. Oder davor bei der Bundestagswahl das Kreuzchen bei der NPD zu setzen. Es ist aber auch an all den hässlichen, unangenehmen Emotionen Schuld, die uns wie ein schwacher Schatten durch unser Leben begleiten. Meistens versteckt er sich unter unseren Fußsohlen um dann herauszukommen, wenn man eigentlich damit beschäftigt sein sollte, optimistisch zu sein.

Optimismus ist eine vergängliche Illusion, die uns immer mehr von negativen Erfahrungen kaputt gemacht wird. Niemand fasst optimistisch auf eine Herdplatte, wenn er sich die Pfoten Jahre vorher so sehr daran verbrannte, dass die Wunden noch monatelang nässten. Und wenngleich unser Langzeitgedächntnis uns vor vielen schmerzhaften und hässlichen Erfahrungen bewahrt, so ruiniert es uns auch die Momente, die völlig neu sind. Momente, die losgelöst von allem, was war, geschehen. Die passieren. Die man mit offenen Armen umschließen und genausolange festhalten sollte, wie es sich gut anfühlt. Stattdessen kriecht unter unseren Sohlen der vergilbte Schatten hervor, der uns an all die bitteren Tränen erinnert, die man einmal vergoss, weil man vielleicht zu optimistisch war.

Ich habe verlernt etwas zu genießen ohne wachsam zu sein. Ich bin in absoluter Alarmbereitschaft und betrauere Ereignisse bevor sie überhaupt passieren. Ich betrauere ihre Möglichkeit. Die Chance, mal wieder auf die Nase zu fallen und sein eigenes Blut schlucken zu müssen, das so sehr nach Eisen schmeckt, dass man Angst bekommt, man sei eine Maschine und kein Mensch. Und dass das vielleicht der Grund sein könnte, dass man nur noch selten menschenwürdig behandelt wird. Dass man getreten wurde, wenn man schon gar nicht mehr den Optimismus besaß, je wieder aufstehen zu können. Und es dann doch tat. Und unter all diesen garstigen Gedanken, den Ängsten, den Erinnerungen an Schmerzen, die andere in uns verursachten, der Verunsicherung, des Misstrauens, kollabiert ein Gebilde das ganz zart als Möglichkeit im Raum schwebte, den man durch seinen schwefelhaltigen Atem unbegehbar machte.

Der Schatten, der durch die Lunge in unsere Herzen kriecht, und uns die Augen aufreißen lässt, verurteilen lässt, Vorsicht walten lässt, nährt sich an dieser Luft. Es ist als würde er flüstern „siehst du“, während dein Herz so schnell klopft, dass du Angst hast, mit Mitte zwanzig an einem Infarkt zu sterben. „Siehst du“, flüstert er, „ich hatte mal wieder Recht“ und lässt dich zurück in einem Drama, das nirgendwo stattfand, außer in deinem Kopf.

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3 Gedanken zu “SCHATTEN

  1. Verdammt, der Text ist mal wieder wirklich gut…aber das Vorlesen solltest du meiner Meinung nach echt bleiben lassen. Vor allem die Musik im Hintergrund geht gar nicht.

  2. Da hast du wohl recht, aber andererseits lassen sich vielleicht zu viele Leser aus Bequemlichkeit dazu hinreißen, sich deinen Text ausschließlich anzuhören. Ich finde ja auch deine Art vorzutragen gar nicht mal schlecht, deine Lesung beim splash! war sogar richtig gut.
    Vor allem durch die Musik im Hintergrund wirkt dein Text meiner Meinung nach aber nicht mehr so richtig.
    Just my 2 cents ;).

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