HUNDE

Ich schlief durch. Ich schloss die Augen und als ich sie wieder öffnete hatte ich weder Angst noch Durst noch Hunger, ich war da, wach, und es waren nicht wenige Minuten vergangen, seitdem ich einschlief. Ich runzelte die Stirn. Dann schloss ich die Augen wieder und möglicherweise habe ich gelächelt und ich weiß nicht mehr wie lange es her ist, dass ich morgens die Kraft hatte, meine Mundwinkel auch nur einen Millimeter zu heben. Und vielleicht hat es mich kurz misstrauisch gemacht. Wie alles, was gut ist, zum Dank mein Misstrauen erntet und sich somit schneller aus dem Staub macht, als ich „doch nicht!“, sagen kann. Aber dieses Mal gab ich mir allergrößte Mühe auf es einzureden und „verpiss dich“ zu zischen, noch bevor meine Skepsis meine gute Laune vergiftete.

Ich weiß nicht was auf dieser Welt mir so den Kopf wusch, zu befürchten, dass alles Gute ein abruptes, herzzerfetzendes Ende hat. Vielleicht die exorbitant hohe Anzahl an Beweisen, dass es bisher immer so war. Vielleicht das Internet. Vielleicht wurde ich damit geboren und werde damit sterben. Und ich kenne genug Menschen, die anhand dieses Fakts verbittern und pro forma genauso hässlich zu Menschen sind, wie andere es einst zu ihnen waren. Ein Perpetuum Mobile der von Angst zerfressenen Menschen wankt so zombieesk durch unsere Straßen und zieht immer mehr in den Abgrund, wie ein Virus, dessen wir uns einfach nicht entledigen können. Gegen den Virus bin ich immun.

Einmal sagte man zu mir, wer einmal vom Hund gebissen wurde und seither Angst vor ihnen hat, der hat drei Möglichkeiten zu handeln. Nummer 1: er schließt sich zuhause ein und sorgt dafür, keinem Hund zu begegnen. Nummer 2: er geht mit geladener Waffe seiner Wege und immer wenn man einen Hund sieht – RATATATA – erledigt man ihn mit einem sauberen Kopfschuss. Nummer 3: in seiner Tasche befindet sich keine Schusswaffe sondern Hundekuchen. Und zwar nicht die ollen von Aldi, sondern die saftigen selbstgemachten, mit denen man all die Kläffer füttert, die einem so sehr Angst machen, dass man zwar mit zitternden Händen das Leckerli reicht – aber dann immerhin nicht gebissen wird.

Mich haben Hunde zerfleischt, wiedergekäut, nochmal gegessen, mir Gliedmaßen herausgerissen, dass es mehr als nachvollziehbar wäre, würde ich mich zuhause einschließen und Lassie-DVDs verbrennen. Aber ich glaube nicht daran. Ich glaube, dass es viele, tausende, von diesen tollwütigen Kötern gibt und man immer Gefahr läuft, von ihnen gebissen zu werden, bis die Wunden sich entzünden, eitern und die Haut fault. Ich finde aber nicht, dass die wenigen Guten unter ihnen, es nicht verdient hätten, Hundekuchen zu bekommen. Und so lächle ich sie alle an, Tag für Tag, weil ich weiß, ganz sicher weiß, dass da draußen nicht jeder vom Tollwutvirus befallen wurde. Manche sind immun, so wie ich.

Und wenn auch nur die winzige Möglichkeit besteht, dass man sich nicht tödlich  verwundet, lohnt sich jeder Zentimeter, den man trotz seiner Angst zurücklegt, um auf einander zuzugehen, um sich am Ende sogar gegenseitig die Wunden zu lecken.

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