ICH HABE GEKOCHT

Ich habe gekocht. Etwas mit Lammfleisch und Auberginen und roter Soße und mir war warm, aber das war nicht schlimm, denn so ist das nunmal im Sommer. Und du warst da und hast es gegessen und wir tranken Wein und redeten und es war schön, und das ist schlimm, denn was schön ist, ist vergänglich. Das ist Gesetz in diesem Irrgarten namens Leben und glücklicherweise hat irgendeine Synapse mir diese Information für einen bestimmten Zeitraum vorenthalten.

Stunden verstrichen und ich dachte nicht daran, dass es so abrupt aufhören würde, wie es es schlussendlich doch tat. Dabei verstand ich nicht, denn ich hatte gekocht. Und du holtest Nachschlag.

Aber was ich vergaß, obgleich es mich dieses Leben schon häufig lehrte, ist, dass nicht irgendjemand dir gegenüber saß, sondern ich selbst. Und dass ich selbst einige Rollen in dieser Welt spiele aber niemals die derjenigen, in die man sich unsterblich verliebt. Die ewige Nummer Zwei, das ewige Backup, und eigentlich hatte ich gelernt, dieses Schicksal anzunehmen. Vielleicht lag es daran, dass ich die falschen Filme sah oder die falschen Bücher las, dass ich auf einmal dachte, dass das möglicherweise nicht stimmen kann und in einer nie dagewesenen Kühnheit glaubte, die Welt hielte es doch irgendwo für mich bereit. Dieses ominöse Gefühl davon geliebt zu werden.

Und ich weiß nicht was es damit auf sich hat, dass alles Gold, das ich berühre – als sei ich die weibliche Version von Midas – sich in schweres Blei verwandelt, das ich schlucken muss und wie eine nie verschwindende Last mit mir herumtrage. Ich weiß nicht, warum der Genpool, aus dem ich hervorging, mir unreine Haut und schlechtes Bindegewebe bescherte. Ich weiß nicht ob es an meiner Nase liegt oder an meinen Oberarmen oder meinem Rücken oder vielleicht doch an einer winzigen chemischen Reaktion in irgendeinem Organismus, die niemals stattfindet, wenn ich in die Gleichung reinrutsche. Und es ist auch egal, denn ich kann es nicht ändern und was man nicht ändern kann, darüber sollte man sich seinen durchschnittlich aussehenden Kopf nicht zerbrechen.

Apropos zerbrechen – nichts zerbrach in mir. Alles blieb soweit intakt, denn im Grunde hatte sich doch nichts geändert. Nur ein weiterer Haufen Blei, der meine Kehle hinunter, an meinem schwer schlagenden Herzen vorbei, in meine Magengrube rutschte, um die Belastung erneut zu belasten. Sicherzustellen, dass ich die Bodenhaftung nicht verliere und es mir nie erlaubt sein wird zu fliegen, mit all dem Gewicht, das ich mir im Grunde immer selbst aufbard.
Und wir Hobbymediziner wissen, was Blei mit unseren mal gut und mal schlecht gelungenen, irdischen Körperhüllen anstellt: Blutarmut.
Und vielleicht macht es nun Sinn, warum ich meine herzförmigen Lippen immer rot bemale, denn ohne Blut werden sie blass und jeder wüsste, dass ich voll von Blei bin.

Wie jemand, den man immer und immer wieder erschoss.

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6 Gedanken zu “ICH HABE GEKOCHT

  1. Was für ein unter die Haut gehender Text. Freu mich immer am meisten, deine Texte von dir gelesen zu bekommen. Dazu dieses grandiose Lied. Danke für beides…

  2. „und es war schön, und das ist schlimm, denn was schön ist, ist vergänglich“ – großartiger Text (in dem ich mich auch selber wiedererkenne). Vielen Dank dafür!

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