WINDSTOSS

Ich schrieb über Abschiede. Über den Schmerz des „mach’s gut“, die Hilflosigkeit die darin mitschwingt. Die Angst, dass alles umsonst war. Über das große „Was hätte sein können? Was wäre gewesen?“, das mir einst jemand ins Ohr pflanzte, von dem ich mich ebenfalls verabschieden musste. Die letzten Jahre – eine Kette von „Auf Wiedersehens“, die ich ernst meinte – aber nicht umsetzte. Ich alte Spezialistin im verzweifelten „Adieu“, umso mehr Amateurin im hoffnungsvollen „Bienvenue“.

Ich muss gestehen – ein Willkommen brachte ich in der Vergangenheit nur unter großer Anstrengung zustande. Die Kette meiner Tür bis zum Anschlag gespannt, dass ich in ständiger Sorge war, sie würde reißen. Meine spärlichen aber wertvollen Schätze für jeden offen legen, der sie passierte. Beim noch so kleinen Windstoß gab die Kette nach, fiel ins Schloss und ich übte mich in einem weiteren Abschied, den ich so oft geprobt hatte.

Und dann gibt es diesen einen Windstoß, der die Tür von außen aufbläst. Die Kette reißen lässt. Die Schätze, die man meinte, zu besitzen, verweht. Das Haus ausfüllt, aus tiefster Tiefe. Der, der Eisen verbiegt und die losen beschriebenen Blätter, die vermeintlich von Wahrheit und Wichtigkeit nur so in dunkelblauer Tinte bluteten, durcheinander bringt. Und selbst wenn er mir im Auge des Orkans eine kurze Sekunde der Ruhe lässt, um all den Geister, denen ich gestattet habe, in mir zu wohnen, die Gelegenheit zu geben, ihre Stimme zu erheben und an meinem Trommelfell zu nagen mit Fragmenten wie „du solltest jetzt Angst haben“ und „sei vorsichtig“ und „du solltest ihn zumindest bitten, dich nicht zu zerreißen, mit seiner Naturgewalt“ kann ich nur mit flachen Händen gegen meine Ohren schlagen und sie wieder vertreiben. Denn nichts war stärker und nichts war wahrer, als das, was die kupferne Kette letztendlich aus der Angel riss. Ein Unwetter, dessen Donner klingt wie der Herzschlag, dessen Rhythmus mein eigener so wortlos zu imitieren versucht. Nach Jahren der Arrhythmien.

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