50 km/h

Es ist relativ einfach. Du musst 14 Mal erscheinen, 14 Mal abgezeichnet bekommen, dass du da warst, dann melden sie dich zur Prüfung an. Idealerweise hast du bis dahin gelernt. Dreieck? Warnung! Rund und blau? Musst du befolgen. Pfeile? Kommt drauf an welcher du bist, entweder hast du Vorrang oder musst warten. Es ist so simpel, dass ich die theoretischen Fahrstunden als eine Art Urlaub erlebe. Ich weiß woran ich bin, wie viel Mal noch rumsitzen und mit großen Augen verfolgen, was ich künftig alles zu einzuhalten habe. Wenn mein Leben Verkehrszeichen hätte, dann gäbe es nur eines, das in Neonfarben ein Kuddelmuddel von in sich verworrenen Pfeilen zeigen würde. Links, rechts, einmal um dich herum, spring, duck dich, zurück, jetzt nach vorne, warte, warte, jetzt, nein warte noch, warte, links, schräg nach unten, Haken nach halb Südost, spring nochmal, warte – ja, warte in der Luft, warte bitte lange in der Luft, mich interessiert die Schwerkraft nicht, du hast in drei Metern Höhe zu warten, hörst du? Wie lange fragst du? Warte. Warte. Jetzt darfst du – nein doch nicht. Gleich. Gleich, Luft anhalten, Ohren zuhalten, Augen zuhalten, Herz festhalten, spring noch ein bisschen höher – ja aus der Luft heraus – wieso hechelst du? Wieso hechelst du?? Jetzt darfst du fallen. Fall schmerzhaft. Sehr gut. Tat es weh? Das tut mir leid zu hören. Jetzt nochmal von vorne.

Ich habe keine Ahnung wie viele Pferdestärken mein Leben hat, aber ich kann euch versichern, ein paar der Gäule sind in den letzten Jahren am ausgestreckten Arm verhungert. Dabei kann ich nicht behaupten, dass ich mich nicht um sie gekümmert habe. Es ist ein verdammt schöner Sommertag, als es mir wie Schuppen von den Augen fällt, dass nichts, aber absolut nichts, geregelt ist. Ich sitze vor einem dicklichen bärtigen Fahrlehrer mit einer Sehschwäche, die ich anhand seiner Brille bedrohlich finde, und ausgerechnet er macht es mir klar: „Wenn du auf eine Kreuzung donnerst und jemand fährt dir mit 50 km/h in die linke Seite, weil du die Vorfahrt nicht beachtet hast, dann liegt deine Überlebenschance bei 10%“. Zehn mickrige Prozent. Und ich habe die Vorfahrt nicht beachtet, das muss ich zugeben. „Da hilft dir auch kein Airbag mehr.“ schießt er nach, als hätte er geahnt, dass ich in genau diesem Moment über den Nutzen eines solchen nachdachte.

Wenn dir also klar wird, dass dir dein Airbag nichts nützen wird, und bei moderaten 50 km/h dein jämmerliches Leben innerhalb von Sekunden vorbei sein kann, wenn du all das weißt – warum steigst du dann noch in ein Auto? Warum setzt du dich dieser Gefahr aus? Warum tust du dir das an? Vielleicht, weil Leben immer lebensgefährlich ist? Weil man fahren lernen muss um voranzukommen?
Weil jeder es tut? Weil man Hoffnung hat, dass die Verkehrszeichen, und das Wissen darüber, das glatte ein Mal in unserem Leben geprüft wird, beachtet werden, jederzeit, auf jeder Kreuzung die wir passieren? Ich habe keine Ahnung.
Aber abgemeldet, das habe ich mich auch nicht. Ich habe ja schließlich investiert. Das wäre Verschwendung.

Ich schreibe schon wieder von Risiken und Nebenwirkungen, von Hoffnungen, von Entscheidungen, die man trifft – oder deren man ausgeliefert ist. Und um ehrlich zu sein hat sich innerhalb eines Jahres nichts aber auch gar nichts verändert, an meinem Standpunkt, an Erkenntnissen, an Ängsten.
Das einzige, das sich änderte, ist die Belastungsfähigkeit. Sie reduziert sich umgekehrt exponentiell mit jeder Kreuzung, die ich passiere. Mein Wagen muss zum TÜV um den nächsten Winter zu überstehen. Die Abgase kriechen in meine Lunge und nachts schrecke ich aus Alpträumen hoch, deren Bedeutung so gnadenlos schnörkellos sind, dass ich mich fast schäme.
Irgendetwas muss passieren. Außer ich Kreuzungen.

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Ein Gedanke zu “50 km/h

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