GRAPHENDÜNN

Es fühlt sich an wie erkalteter Zement in meiner Brust, der sich ergiebig durch meinen Bronchialbaum ausbreitet. Zement, der zähflüssig durch die Gefäße sickert und meine Brust beschwert, meinen Herzschlag heftiger und dicker vor sich Hinklumpen lässt. Diese Schwere ist kaum auszuhalten, wie ich mich drehe und wende, sie drückt sich entschlossen in mich hinein; und aus mir selbst.. da gibt es kein Entrinnen. Das Gefühl ist dumpf bekannt, mein linkes Schulterblatt knackt wenn ich versuche mich zu erinnern. Es ist, als hätte mein Gedächtnis eine Barriere eingebaut. Eine sechsfach gesicherte Tür, deren Vorhängeschloss noch das kleinste Hindernis ist. „Kein Zutritt“ leuchtet es mir neongelb entgegen. Es sticht in meinen Augen. Der Schlüssel ist, sie lange genug geschlossen zu halten – das tiefe Schwarz bringt die Erinnerung zurück, und mich endlich durch die Tür: Panik.

Es muss 2011 gewesen sein, als ich mir das erste Mal eingestand, dass es keine Phase ist, seit Wochen öffentliche Verkehrsmittel zu meiden. Dass ich durch das Treppenhaus des Mehrfamilienhauses im Nordend geradezu sprintete, aus Angst, ein Nachbar könne mich aus dem Hinterhalt in seine Wohnung ziehen. Keine Phase, dass ich mich an meinem Arbeitstag alle paar Stunden auf der Toilette einschloss, auf den kalten Fliesenboden legte – die Füße auf dem Toilettendeckel – und versuchte zu atmen. Den Zement wegzuatmen, mit Luft, die kaum durch meinen Kehlkopf drang. Es muss 2011 gewesen sein, als ich erst baden ging, mir dann die Nägel lackierte, etwas seichtes im Fernsehen sah, früh ins Bett ging und dann kurz davor war den Notarzt zu rufen, als meine Beine nicht aufhören wollten unkontrolliert zu zittern. 2011, als mein Hausarzt „Synkope“ unter dem Wort Diagnose notierte und ich mich erst auf der Straße vor der Praxis traute es in Google einzugeben. Es brauchte eine ganze Weile und zahlreiche Tests, bis ich begriff und akzeptierte, dass mit meinem Körper, meinen Organen, alles in Ordnung war. Es war ein Leck in meinem Geist, das den Zement subtil in meine Lungen sickern ließ.

Es brauchte Jahre, dieses Leck zu schließen. Jahre, mich von dem zu lösen, das mit spitzen Fingernägeln immer wieder an derselben Stelle kratzte, die ich mit Mühe in graphendünnen Schichten unter Schweiß und Tränen zu versiegeln versuchte. Unter dem anspornenden Trommeln meines ar­rhyth­misch stolpernden Herzens hastete ich zum Ziel: dem Schließen dieses Lecks. Ein Prozess, der mich von Menschen riss, die ich glaubte zu lieben, und welche glaubten, dasselbe auch für mich zu empfinden. Triumph sollte nach mehr schmecken als nach Blut und Verzicht. Fast kann ich mich erinnern, wie ich ausspuckte und die Tür hinter mir zuzog um sie sechsfach zu sichern. Nie mehr. Nie, nie mehr, das schwor ich mir, tue ich mir so etwas noch einmal an. Und so ging ich fort, fuhr U-Bahn und Auto, schlenderte durch Treppenhäuser und nutzte Toilettenkabinen nur noch für Dinge, für die sie hauptsächlich vorgesehen waren.

Mit Hoffnung und Vertrauen stellte ich mich all dem und noch mehr; das Leck so behutsam geschützt und verschlossen, dass man es kaum noch spürte, wenn man mit dem Finger darüber strich. Fast, als wäre nichts gewesen. So unscheinbar, dass nicht einmal ich selbst es früh genug bemerkte, als der Zement aus einer anderen Stelle rann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s